Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Samstag, 21. Mai 1988

Jazz und Swing mit Erwin Lehn

Bigband der Musikhochschule Stuttgart in der Reutlinger Listhalle

Swing in zeitgemäßen Arrangements und andere Jazzstile, die das (ungeübte) Ohr nicht gleich überstrapazieren, scheinen auch in Reutlingen beim breiten Publikum eine Chance zu haben. Am Donnerstagabend gastierte in einer Veranstaltung von Hochschule, Stadt, Kreissparkasse und dem Jazzclub »in der Mitte« die Bigband der Musikhochschule Stuttgart in der etwas mehr als halbvollen Listhalle. Bandleader der jungen Musiker ist Erwin Lehn, seit vielen Jahren ein Synonym für das Tanzorchester des Süddeutschen Rundfunks.

In einer kleinen Gruppe, vielleicht einem Quartett, hat jeder einzelne Musiker während des Konzerts mannigfaltige Möglichkeiten, sich und seine Kunst zu präsentieren. Er kann – bei genügenden technischen Grundlagen – vergleichsweise einfach eine für ihn charakteristische Phrasierung entwickeln, einen eigenen Stil eben, an dem man ihn sofort erkennt.

In der Bigband ist vieles anders: Die individuelle Freiheit des einzelnen Musikers zählt – jedenfalls in einer »normalen« Band, die Swing, sprich Tanzmusik spielt – wenig, gefragt ist der Sound. Spieltechnische Fertigkeiten und rhythmische Exaktheit stehen im Vordergrund; deswegen ist das Spiel in einer Bigband eine hervorragende Vorbereitung für eventuelle solistische Ambitionen.

Das Konzert der Bigband der Musikhochschule Stuttgart – es war das fünfte Gastspiel in Reutlingen – konnte deswegen überzeugen und stellenweise sogar begeistern, weil das technische Niveau der Musiker hoch, der »Sound« bei aller Prägnanz sehr vielseitig und die Umsetzung der Arrangements nuanciert und präzise ist.

Erwin Lehn gestaltete das zweistündige Konzert sehr abwechslungsreich: Vom klassischen Schlager über bekannte Jazz-Standards bis zu neueren Bigband-Kompositionen (etwa das überaus ansprechend umgesetzte »Dsardan« von »Old Kugelbauch« Peter Herbolzheimer) – die Bigband präsentierte das alles so, daß sowohl der »Jazzfachmann« als auch der Fan gutgespielter Tanz- und Unterhaltungsmusik seine Freude dran hatte. Wenn dann zum ansprechenden Gruppenklang noch sehr gute solistische Einlagen dazukommen – die Stuttgarter scheinen in ihren Reihen vielversprechende Solisten en masse zu haben; der Trompeter Claus Stötter und Pianist Tilman Jäger gefielen besonders – ist alles klar: Ein ansprechendes und die Besucher aufs musikalischste unterhaltendes Konzert.

Martin Gerner


Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 21.05.1988.

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