Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Samstag, 26. November 1988

»BAP«: Mehr als nur Kölsche Leeder

Angefangen hat es mit der inzwischen erfolgreichsten deutschen Rockband aus Köln »in grauer Vorzeit« im Sommer 1976. Der Zivildienstleistende Wolfgang Niedecken spielte mit alten Freunden ab und zu in einer Kneipe eigene Songs und Dylan-Interpretationen. Der Name »BAP« tauchte zum erstenmal 1978 auf einem Plakat auf, ein Jahr später erschien auf einem »unabhängigen« Kleinlabel die erste LP der Gruppe: »Wolfgang Niedecken’s BAP rockt andere Kölsche Leeder.« Das Cover der Platte ziert in der Erstauflage eine aufgeklebte Postkarte vom Kölner Dom; als Gast spielt der Saxophonist Büdi Siebert mit und nur zwei der heutigen »BAP«-Musiker sind damals dabei: Neben Niedecken noch sein alter Freund und Malerkollege Manfred »Schmal« Boecker. Den »Major«, Klaus Heuser, lernte Niedecken auf dem Klo kennen; auf der zweiten Platte, »Affjetaut«, waren neben dem Gitarristen auch schon Wolli Boecker (Schlagzeug), Steve Borg (Baß) und der Soundmixer, den »BAP« immer als gleichberechtigtes Bandmitglied betrachtet haben, Hans »Fonz« Wollrath dabei. Die Gruppe schmort im eigenen Saft, weil der Vertrieb der Platten und die Konzerttourneen miserabel organisiert sind; »BAP« wechselt von »Eigelstein« zu »EMI.« Alexander »Effendi« Büchel steigt bei der Band als Keyboarder ein.

In dieser Besetzung spielt »BAP« 1981 »Für usszeschnigge« ein; ab da überschlagen sich die Ereignisse: Vorgruppe der »Stones« bei den Kölner Konzerten, Auftritt am 10. Juni 1982 vor 300 000 Leuten bei der Friedensdemo auf den Rheinwiesen, Platte auf dem ersten Platz in der Hitparade – die Erfolgsmeldungen reißen nicht mehr ab. 1982 verdrängt »Vun drinne noh drusse« die letzte Platte aus der Spitzenposition der Charts, »BAP« belegt die ersten beiden Plätze und tritt als erste deutsche Band in der »Rockpalast« – Eurovisionssendung des WDR auf.

Auf der ersten Mammuttournee durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Belgien und Luxemburg ersetzt der Schlagzeuger Jan Dix Wolli Boecker; die Band schneidet auf Tournee für ein Live-Album mit, das 1983 erscheint: »Bess dehmnähx« ist nur ein müder Abklatsch des Live-Erlebnisses »BAP«. Die Gruppe veröffentlicht im Lamuv-Verlag ihr Buch »BAP öwer BAP«, das – liebevoll gemacht – neben einem Tagebuch Niedeckens während der »Vun drinne noh drusse»-Tour« auch Anmerkungen von Freunden zum Thema »BAP«, Gedanken der »BAP-Familie« zu der Gruppe und allerlei Kritisches zum Rockbusiness und den eigenen Erfolg enthält. Unter welchem Druck die Band inzwischen steht, zeichnet sich bei der düsteren »Zwesche Salzjebäck un Bier« Produktion ab; zum mehr oder minder offenen Krach kommt es nach »Ahl Männer, ahlglatt« 1986; die vom Münchner Starproduzenten Mack tatsächlich auf »alglatt« getrimmte Scheibe läßt den internen Knatsch durch musikalische Brüche und Perfektion statt Gefühl deutlich werden. »BAP« verschreibt sich ein Jahr Pause. Der Gitarrist Major »studiert« in den USA die Quellen der Rockmusik und Niedecken macht mit seinen »Complizen« eine Solo-LP, die für viele Fans »die beste Platte, die BAP nie gemacht hat« ist.

Im Oktober 1987 spielt die Kölner Rockband als erste westliche Gruppe in der Volksrepublik China, insgesamt hören in Peking, Shanghai und Kanton insgesamt 115 000 Menschen zum erstenmal westliche Rockmusik in einem Konzert.

Jetzt ist ein neues Album der Gruppe erschienen: »Da Capo.« »Der Band gefielen die Texte und es machte sich angesichts des Materials die Euphorie breit, die dann zum Titel der LP führte… ein wenig »Back to the roots« schwingt da schon mit« erläutert Niedecken im wie immer umfangreichen und hervorragend gemachten Beiheft zur Platte. Die Musik von »Da capo« stammt dieses Mal ausschließlich von »Major« Heuser und wurde von der Stammbesetzung (mit Jürgen Zöller am Schlagzeug) ohne Gäste in einem Brüsseler Studio eingespielt. Neben einer kritischen Auseinandersetzung mit seiner Geburtsstadt Köln (»Stadt em Niemandsland«) singt Niedecken auf der Platte von seinen Erfahrungen in China (»Shanghai«), in Nicaragua (»Sandino«) oder über seinen Verhältnis zu dem Schlagzeuger Pete King, der Jan Dix auf der letzten Tour ersetzte und im Sommer 1987 an Krebs gestorben ist.

Seit dem 14. Oktober sind Wolfgang Niedecken, »Schmal« Boecker, »Major« Heuser, »Effendi« Büchel Steve Borg, Jürgen Zöller und Mixer »Fonz« Wollrath wieder »op Tour.« 46 Städte besucht die erfolgreichste Deutschrock-Band noch bis zum 21. Dezember.

Martin Gerner


Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 26.11.1988.

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