Warum berühmte Jazzer aller Lager über Jim Halls Gitarrenspiel in haltloses Schwärmen geraten.
Seinen Stil erkennt man sofort wieder. Jim Hall ist aber nicht wegen bestimmter Riffs oder Motive berühmt geworden, sondern wegen seines Sounds, seinem Gefühl für die Musik und der einzigartigen Art und Weise, wie er Melodie, Harmonie und Rhythmus in seinem Spiel fein ausbalanciert. Wenn Hall spielt, klingt's warm, weich, mit sattem Ton, aber völlig unaufdringlich.
Damit und mit seinem Feeling gleichermaßen für Jazz wie Klassik oder Rock und südamerikanische Musik ist er der »zeitlose Gitarrist par excellence« geworden, wie Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt mal formulierte, »ein Meister wunderbar empfindsamer Gitarrenimprovisationen«.

Und der amerikanische Jazzhistoriker Leonard sieht den leise spielenden wie auftretenden Amerikaner im Olymp der Jazzer: »Halls Einfluß auf die Szene – sowohl als traditioneller wie innovativer Musiker – war seit den 60ern größer als der irgendeines anderen Gitarristen seit Charlie Christian und Django Reinhardt«. So ziemlich alle Polls (Beliebtheits- und Bestenlisten) der Fachmagazine hat Hall zum Teil jahrelang angeführt, weltweit kräftig geholfen, Jazz ins Fernsehen zu bringen.
Auch die Kollegen des »Bill Evans der Gitarre« sind quer durch alle Lager des Lobes voll. Klassiker Itzhak Perlman schwärmt von Halls »wunderbarer Musikalität«, Sonny Rollins hielt ihn für »den größten Gitarristen des Jazz« überhaupt. Und Drummer Joey Barron – der tummelt sich auch gerne in Avantgardekreisen – schätzt an ihm seine Zurückhaltung: »Jim spielt immer nur ein paar Noten, läßt jede Menge Platz, um mit mir kommunizieren zu können«.
Bei soviel Ruhm und Lob könnte Hall längst schon abgehoben sein. Ist er aber nicht. »Der Schlüssel zu allem ist das Zuhören«, sagt er bescheiden. Seit seinem Karrierestart in den 50ern hat Jim Hall wirklich mit fast allen Größen zusammengespielt, die Platten von ihm füllen ein Regal. Seine Philosophie ist dennoch – oder gerade deswegen? – einfach: »Mich interessiert Klarheit. Ich will im Geist ein Bild von dem Solo haben, das ich gerade spiele. So kann ich verhindern, daß es langweilig wird. Ich selbst langweile mich schnell – und wenn ich an die Sache so herangehe, glaube ich, Klischees vermeiden zu können«.
Das tut er auch heute (mit Heerscharen von Nachahmern im Rücken) immer noch. Vermutlich hat ihn auch der Kontakt mit dem Nachwuchs jung und flexibel gehalten: Hall hat unzählige Workshops gegeben und auch Fachbücher für Gitarristen geschrieben.
In seinem Quartett, mit dem er jetzt nach Reutlingen kommt, bringt er neben dem Drum-Routinier Terry Clarke (der es auch in der Sixties-Popgruppe Fifth Dimension zu weltweitem Ruhm brachte) zwei Jungspunde mit: Sowohl Tenorsaxophonist Chris Potter (28) als auch Bassist Scott Colley (35) haben sich aber in der Szene schon gute Namen machen können.
Martin Gerner
Jim Hall Quartet: 28. April, 20.30 Uhr, Stiftung für konkrete Kunst, Reutlingen
Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 4/1999.