Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Samstag, 7. September 1985

Trochtelfinger Festival: Der zweite Tag

… Der zweite Tag des Festivals begann mit der Gruppe „Bagage“, die – entgegen unserer Ankündigung – nicht aus Reutlingen, sondern aus Ulm kommt. Thomas Ströbele (Gesang), Frank Ströbele (Gitarre), Peter Stern (Baß), Christoph Roser (Keyb.) und Andreas Fülle am Schlagzeug machen nach eigener Aussage tanzbaren, härteren Rock. „Bagage“ orientierte sich im Sound an amerikanischem Mainstream; manchmal war eine Verwandtschaft zu „Foreigner“ unüberhörbar. Die Gruppe, die das erstemal vor einem größeren Publikum spielte, wirkte sehr professionell – insbesondere Frontman Thomas Ströbele überzeugte durch seine sehr dynamische Stimme. Die fünf Amateure meisterten ihre Aufgabe als „Aufwärmer“ mit Bravour.

Ausschnitt aus dem Schreibmaschinenmanuskript: Trochtelfinger Festival: Der zweite Tag
Ausschnitt aus dem Originalmanuskript · Martin Gerner

Die nächste Gruppe, „Feinbein“ aus Frankfurt, war ein Augen- und Ohrenschmaus. Mit Baß, zwei Gitarren, Schlagzeug, Perkussionsinstrumenten, vier Synthesizern und einer gehörigen Portion bissigen Humors brachten die schauspielernden Musiker das Zelt zum Toben. Der gradlinige Rock mit kritischen Texten, illustriert durch Spielszenen, war perfekt – das Spektakel auch. Der Humor „Feinbeins“ war oft absurd: da gab es einen Fakir, der sich mit großen Gesten auf Kartoffelchips breitmachte; einen Priester, der das Programm unterbrach, um einen Werbespot abzuschießen, oder Tarzan, der sich in seinen Affen „Cheetah“ verliebte, und mit ihm ein schönschnulziges Liebeslied sang. Leider mußten die beiden dann feststellen, daß eine Heirat nicht in Frage kommt – Tarzan ist katholisch, Cheetah evangelisch! Absoluter Höhepunkt in der „Feinbein“-Show wurde das Zwischenprogramm „Pechvögel in Vergangenheit und Gegenwart“, in dem sich Blödelei und Parodie mit Vaudeville- und Hollywood-Tradition zu gelungenem Musikkabarett mischte. Das „Loblied“ auf Fast-Food (Big-Mäc aus Amerika) hatte Ohrwurm-Qualitäten. Da war es verständlich, daß das Publikum nach mehr schrie. Zugaben: „Drive my Car“ von den Beatles und ein fünfzehnminütiges Perkussionsgewitter, bei dem die Musiker noch einmal ihr Können zeigten. „Feinbein“ ist ein hervorragender Live-Act, ist besser als so manche Stars in der Branche.

In der Umbaupause, die unverhältnismäßig lang war, drängten sich Punks und sonstige schwarzgekleidete Leutchen vor die Bühne, um „The Jazz Butcher“ zu feiern. Die vier Musiker aus England spielten Musik, die zwischen 25 und 15 Jahren alt ist – allerdings mit der Erfahrung des Punk im Ohr. Schön an den „Jazz-Metzgern“: der harmonische Gesang und die – leider seltenen – Anklänge an Lou Reed und Velvet Underground. Die Lautstärke ließ einen um seine Trommelfelle bangen. Das Publikum tobte und forderte minutenlang Zugaben – für uns nicht ganz verständlich. So originell ist die Musik von „The Jazz Butcher“ nicht und neu schon gar nicht. Originale sind immer besser als ihre Epigonen.

Als gegen halb zwei Uhr der Alkoholpegel im Publikum spürbar wurde und manche Leute selig schlummernd in irgendeiner Ecke lagen, gab es am See noch einmal heiße Luft: „Susu Bilibi“ aus Afrika wurden stürmisch empfangen und brachten mit ihrer Mischung aus Funk, Jazz, Rock, Reggae und afrikanischen Gesängen die Zuhörer zum Tanzen. Besonders das druckvolle, erdige Saxophon und die vielschichtig verzahnten Rhythmen, die manchmal zum Stolpern kompliziert schienen, kennzeichneten den Sound der Gruppe.

Der zweite Tag des Trochtelfinger Festivals war ein voller Erfolg, das Wetter erträglich, Zwischenfälle gab es keine. Ein großes Kompliment den Veranstaltern!

Martin Gerner


Original-Schreibmaschinenmanuskript vom 07.09.1985.

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