Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Mittwoch, 14. Mai 1986

Viel Licht und wenig Schatten

2. Reutlinger Schülerfilmfestival

Rolf Beicher, der Macher des 2. Reutlinger Schülerfilmfestivals, freute sich sichtlich: Über 2000 Filmfreunde sahen die 53 Super 8- und Videoproduktionen, die vom 1. bis 4. Mai gezeigt wurden. Das Festival ist in Baden-Württemberg konkurrenzlos; vergleichbar ist es lediglich mit den bundesweiten Festivals in Hannover.

Ausschnitt aus dem Schreibmaschinenmanuskript: Viel Licht und wenig Schatten
Ausschnitt aus dem Originalmanuskript · Martin Gerner

Sieger des Festivals war der 14-jährige Markus Krämer aus Ditzingen: In seinem Film „American Balloons“ erzählte er recht amüsant von einem Jungen, der an einem Luftballon hängend über Stuttgart segelt. Der Jury war das Werk – in Anbetracht des Alters des Jungfilmers sehr effektvoll inszeniert – einen ersten Preis wert. Der Sonderpreis der Landesbildstelle für den medienpädagogisch wertvollsten Film wurde gleich zwei Streifen zugesprochen: „Tod eines Computers“ von Christian und Martin Kuhnert aus Neckargemünd und „Escape of Miss Pacman“ von der Film-AG des Reutlinger Isolde-Kurz-Gymnasiums. Letzterer zeigte in eindrucksvollen Bildern ein Mädchen, das aus Langeweile am Computer spielt, bis aus Spiel Realität wird und sie von einem Unbekannten verfolgt wird. Die Schülerin entkommt und „darf“ zur Belohnung nochmal „spielen“.

Gleich fünf Filme bekamen Förderpreise: „Versus“ von Steve Diederichs aus Tübingen, „Der Prozess des Pater Delp“ vom Schülerfernsehen des Kollegs St. Blasien, noch einmal „Tod eines Computers“, sowie „Christian S. – eine Suche – ein Wiedersehen“ aus Stuttgart. Die Fernsehkrimi-Parodie „Attentat auf Derrick“ wurde wegen ihrer „hervorragenden schauspielerischen Qualität“ gelobt.

Viel Sehenswertes – kaum Langeweile

Eröffnungsfilm des Festivals war „Geheimcode Kofferjagd“ von Ralf Merkel aus Hechingen. Der abendfüllende Streifen, der in Hechingen alle Besucherrekorde gebrochen hatte, enttäuschte durch allzu lange Einstellungen und eine lahme Story. Auch eine interessantere Kameraführung hätte man von diesem Film erwarten können.

Am 2. Mai wurden im Isolde-Kurz-Gymnasium die Videoproduktionen gezeigt, für die es eine unabhängige Jury und eigene Preise gab. Neben den prämierten Videos gab es auch hier noch sehens- und erwähnenswertes: „Der Watzmann“ von Schülern des Reutlinger IKG verarbeitete die Hörspielvorlage von Ambros/Tauchen/Prokopetz zu einer witzigen Geschichte. Die „Remsecker Tagesschau“ veralberte geschickt die elektronischen Massenmedien; hier entstand der Witz auch durch die Synchronisation, die stellenweise bis zu 2 Sekunden von den Lippenbewegungen abwich!

Die meisten Besucher kamen am Samstag zum Wettbewerbsprogramm. Besonders gefielen – neben anderen Filmen – die „Bundesjugendspiele“; da trieben 12-jährige (!) Akteure vor der Kamera ihr sportlich-tolpatschiges Unwesen. „Teacherman“ vom Macher des „Turbo-Wusel“ und Fast-Profi Joachim Stolze riß das Publikum durch die überdrehte Slapstick-Komik genau wie „Tierisches Tierleben“ vor Lachen aus den – schrecklich unbequemen – Sitzen.

Neben den guten und witzigen Produktionen waren leider auch Reinfälle zu sehen. Stellvertretend für die anderen sei hier „Dance this world away“ genannt; ein 5-Minuten-Streifen, der jeder Handlung entbehrte und bei dem sämtliche technischen und gestalterischen Regeln des Filmemachens mißachtet wurden.

Wirbel um „1985“

Für Empörung bei Cineasten sorgte die Entscheidung der Jury, dem hervorragenden und wohl besten Film des Festivals, „1985“, keinen Preis zu verleihen. In der offiziellen Urteilsbegründung hieß es: „Der Film schildert in hervorragender Weise das Problem der Ratlosigkeit und der plötzlichen Freiheit nach dem Abitur. Eine sehr eindringliche Regie- und Kameraführung machte diesen Film überzeugend. Besonders hervorzuheben ist der bewußte Verzicht auf Text und Dialoge und der gezielte Einsatz von Symbolen. Dadurch daß der Film den Rahmen dieses Wettbewerbs nach Meinung der Jury übersteigt, sieht sich die Jury nicht in der Lage, einen Förderpreis auszusprechen, der als Ermutigung zum Weitermachen für Anfänger gedacht ist.“

Das für diesen Film vergebene Sonderprädikat konnte die Abiturienten des Kürfürst-Friedrich-Gymnasiums in Heidelberg natürlich nicht befriedigen. Mit dieser Entscheidung schoß die Jury wohl ein Eigentor, hatte man das Meisterwerk doch auch zum Wettbewerb zugelassen.

Nur wenige beim Auswahlprogramm

Leider nur ein kleines Häuflein Filmfans verfolgte das Auswahlprogramm am Sonntag, in dem zum Teil hervorragende Streifen zu sehen waren. Rolf Beicher weiß, daß „hier einiges geändert werden muß, um die Attraktivität beim Publikum zu erhöhen“: Dank gehört neben Rolf Beicher auch den über 80 Schülern des Isolde-Kurz-Gymnasiums, ohne die die Organisation und der reibungslose Ablauf des Festivals kaum möglich gewesen wäre. Das 3. Reutlinger Schülerfilmfestival findet im Frühjahr 1988 statt.

Martin P. Gerner


Original-Schreibmaschinenmanuskript vom 14.05.1986.

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