Es war ein Konzert, wie es immer sein sollte – der Auftritt der tschechischen Gruppe »Laura a jeji Tygri« am Samstagabend in der frisch renovierten »zelle« endete für die meisten Musikfans in einem Fest. Über zwei Stunden lang ließen die neun Musiker mit weiblicher Verstärkung ein musikalisches Feuerwerk abbrennen, das an Intensität und Einfallsreichtum kaum zu übertreffen war. Die Gruppe um den Bassisten Karel Sucha spielte wie aus einem Guß; stilistisch war die Musik der »Tigers« meist an tiefschwarzen Vorbildern angelehnt: Mit einer bis zu sechsköpfigen Bläsersektion, einem knallhart und funky zur Sache gehenden Schlagzeuger und umfangreichem Perkussionarsenal machten die Tschechen klar, warum sie in ihrer Heimat eine der beliebtesten Gruppen sind.

Die Band, die seit vier Jahren existiert, hätte genausogut aus der gegenwärtigen Funk-Hauptstadt Minneapolis statt aus Most bei Prag kommen können; die musikalische Verwandtschaft zu Prince, James Brown oder auch Sly Stone war unüberhörbar. Auf der Grundlage dieser erdigen »Grooves«, die mit fantastischer Präzision aus den Boxen schallten, spielten »Laura und ihre Tiger« eine ganz und gar eigenständige Musik, die Elemente des Rhythm ’n’ Blues genauso souverän verarbeitete wie beispielsweise Einflüsse des Punk, Reggae, Ska oder folkloristische Harmonien und Melodien.
Die Musiker, die wegen der fehlenden staatlichen Ausbildung in der CSSR nach wie vor Amateurstatus besitzen und ihre Brötchen in bürgerlichen Berufen verdienen müssen, legten eine spieltechnische und showmäßige Professionalität an den Tag, die Vergleiche mit westlichen Profi-Bands nicht scheuen muß – im Gegenteil: Die Musiker, die neben ihrem präzisen und hitzigen Spiel alle wie die Wilden auf der Bühne herumtanzten, scheuen das musikalische Risiko nicht. Die Gesangsharmonien verdienten in diesem Zusammenhang manchmal schon die Bezeichnung »avantgardistisch«; es gab immer wieder musikalischen Witz zu entdecken oder vielseitige und stimmige Effekte zu hören.
Das alles zeigte bei den anfangs 200, später mehr Besuchern Wirkung: Dieses letzte Konzert der Deutschlandtournee von »Laura a jeji Tygri« verwandelte sich gegen Ende immer mehr in eine Party tanzwütiger Musikfans. Die Leute wollten die Musiker gar nicht mehr von der Bühne lassen und forderten -zig Zugaben. Die gaben die mitreißenden Musiker aus Most auch, sichtlich erfreut über die gute Resonanz beim aus tschechischer Sicht verwöhnten westlichen Rockpublikum – nicht ohne das Versprechen, nächstes Frühjahr wieder nach Reutlingen zu kommen. Da können wir uns alle schon drauf freuen!
Martin Gerner (mpg)
Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 12.09.1987.