Bestandsaufnahme nach 15 Jahren – Wunsch nach neuen Räumen
Reutlingen. Seit Oktober 1972 gibt es sie, die »Teestube« in der Lederstraße 32. Seit jeher versucht das kleine Häuflein Macher eine Alternative zum Szene-üblichen Kneipen- und Kulturbetrieb zu bieten. Mit zwar relativ kleiner, aber dennoch guter Resonanz.
Am Anfang stand der Gedanke, christliche Jugendarbeit in Reutlingen zu leisten. Vor allem für diejenigen Jugendlichen, die anderswo kaum oder keinen Ansprechpartner haben – besonders sozial Unterprivilegierte und Drogenabhängige. Das klappte bald recht gut, doch ein Problem gab es: Die Mitarbeiter – damals wie heute ehrenamtlich – waren für die Konfrontation mit der Drogenproblematik nicht ausgebildet.
Durch bewußtes Vorleben christlicher Ideale werben die aus verschiedensten Berufen kommenden Mitglieder des »Angebots für junge Christen« für ihren Glauben, allerdings, so Schriftführer Joachim Schenk, ohne daß die Leute »erschlagen werden von frommen Themen«. So greift etwa jeden »Teestubenabend« ein Mitarbeiter ein aktuelles Thema auf und stellt es als Anstoß zum Nachdenken vor. Außerdem versuchen die Veranstalter, jeden Monat einen kulturellen Abend auf die Beine zu stellen; ein schwieriges Unterfangen, wenn man um die 700 Mark monatliche Fixkosten weiß und Künstlergagen kennt.
Immerhin: Letzten Freitag war der Liedermacher Thomas Felder zu Gast in der »Teestube«; ein Klavierkonzert und ein schwäbischer Liederabend mit Friedel Kehrer sowie eine Veranstaltung mit amnesty international zum Thema Südafrika stehen noch auf dem Programm. Die Teestube hat jeden Samstag von 19.30 Uhr bis 24 Uhr geöffnet; ein »Feierabendcafé« ermöglicht freitags ab 16.30 Uhr einen geruhsamen Einstieg ins Wochenende – nicht nur für Jugendliche.
Auch die anonymen Alkoholiker (AA) und die anonymen Emotionalgehemmten (EA) treffen sich in der »Teestube«. Eigentlich ein Riesenpensum, das die sieben festen Mitarbeiter da zu bewältigen haben. Zumal noch Arbeit hinzukommt, die nicht sein müßte: Durch den Dreck, den die Autos in die Lederstraße pusten, sind die Leute öfters als andere mit profanem Putzen beschäftigt.
Eine neue Bleibe ist dringend notwendig auch weil der Abriß des Gebäudes im Rahmen der kommenden Sanierung dieses Viertels feststeht. Viel Hoffnung macht sich keiner, denn, so die Teestuben-Macher, »solange nicht höchste Dringlichkeitsstufe besteht, passiert bei der Stadt nichts.« Der Wunsch der Teestuben-Macher wären neue Räume, zentral gelegen, am besten in der Wilhelmstraße; und zwar für die nächsten 15 Jahre.
Martin Gerner
Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 08.09.1987.