Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Montag, 31. Oktober 1988

Reutlingens einziger Jazzclub wird 25

Zum Jubiläum des Jazzclubs »in der Mitte« kommen neun Bands

Reutlingen. Auch wenn die Verbindlichkeiten immer wie ein Damoklesschwert über dem Club hingen und bei so manchem tollen Konzert das Reutlinger Publikum wegblieb: Der mittlerweile einzige Jazzclub unter der Achalm, der Reutlinger Jazzclub »in der Mitte«, hat sich nie unterbuttern lassen und kann in diesen Tagen sein 25jähriges Bestehen feiern. Das tut er natürlich am besten mit Musik: In sechs Konzerten wird die musikalische Vielfalt – vom Blues über Dixieland bis hin zu Tango und »New Jazz« reichen die Angebote – in 25 Jahren Veranstaltertätigkeit aufgezeigt.

Ursprünglich war die »Mitte« als Studentenclub gedacht: Im November 1963 wurde der »Studentenclub Reutlingen e. V.« beim Amtsgericht eingetragen; erster (und übrigens einziger) Präsident war Heinrich Pfingsten. Ein Jahr später hatte die »Mitte« bereits 150 Mitglieder und jede Menge Schulden bei der Brauerei; die sollten in Sonntags-»Beat«-Veranstaltungen abgebaut werden. Das gelang, der Jahresbericht wies ein Guthaben von 300 Märkern auf. Das mit dem Geld ist bei dem Jazzclub so eine Sache: Zum Sterben war’s zuviel, zum Leben – sprich: in Ruhe Veranstaltungen planen – immer zu wenig.

Zu den finanziellen Nöten sollten noch andere kommen. Schlägereien und Brandstiftungen machten dem Club zu schaffen; ein Antrag auf Auflösung der »Mitte« im Jahr 1968 fand keine Mehrheit. Musikalisch hatten die Jahre Konzerte mit Wolfgang Dauner, Gunter Hampel, Volker Kriegel, Mangelsdorff, Schoff und vielen anderen gebracht. In der folgenden Zeit organisierten die »Mitte«-Mitglieder neben zahlreichen Konzerten in den Räumen der Wilhelmstraße 98 auch zwei Oldtime-Festivals. Mit dem zweiten Festival im Juni 1973 endete auch die Geschichte des Kellers in der Wilhelmstraße: Die »Mitte« zog nach einigen Querelen mit der Stadt in die Gartenstraße um; Eröffnung war am 15. September 1973.

Im Jazzkeller in der Gartenstraße ging es die folgenden Jahre mit chronisch leeren Taschen weiter. Der städtische Zuschuß von 6 000 Mark im Jahr ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein; »aus Geldmangel kann auch das Programmniveau nicht gehalten werden«, heißt es in dem geschichtlichen Jubiläums-Abriß lakonisch. Als der Mietvertrag der »Mitte« im Juni 1984 auslief, mietete die Stadt die Räume an und stellte sie den Jazzern zur Verfügung; die anfallenden Renovierungskosten wurden ebenfalls übernommen.

Das heutige Konzept des »Jazzclub in der Mitte« sieht jedes Jahr einige Konzerte mit Weltklassemusikern vor, die von der Kreissparkasse unterstützt werden. Erscholl in den 60er der Ruf, es werde zuviel Modern Jazz und zuwenig Altes gebracht, so ist es heute genau umgekehrt. Die »Mitte« versucht trotzdem, zwischen Moderne, Dixieland, Oldtime und Blues ausgewogen ein Monat für Monat neues Programm zu erstellen. Das gelingt auch. Nur für moderneren und modernsten Jazz scheint es in Reutlingen kein Publikum zu geben; entsprechende Konzerte waren trotz zugkräftiger Namen öfters schlecht besucht.

Jetzt feiert der Jazzclub »in der Mitte« allen Widrigkeiten zum Trotz also sein 25jähriges Bestehen: Zum ersten Jubiläumskonzert am Mittwoch, 2. November, ab 20 Uhr in der Listhalle haben die »Ragtime Society« aus Frankfurt, »Tante Friedas Jazzkränzchen«, der Boogie-Woogie-Pianist Jochen Bosa und ein großer alter Mann des Blues, Champion Jack Dupree, ihr Kommen zugesagt. In dem »Mitte«-Keller in der Gartenstraße selbst finden noch bis zum 12. November Konzerte statt, die wir jeweils in der »Szene aktuell« ankündigen werden.

Martin Gerner


Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 31.10.1988.

Artikel teilen

Papier ist geduldig...

...das Internet noch mehr! In diesem Blog finden Sie einen Querschnitt durch einige Tausend Artikel und Kritiken, die ich als Journalist, Kr...