Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Montag, 3. Oktober 1988

Türkisches und Rock-Schwof

Abschluß der Ausländerwoche mit Melike Demirag und Hocus Pocus

Reutlingen-Sondelfingen. »Melike, Melike«-Rufe wollten nicht enden: Die türkische Sängerin Melike Demirag, die seit mittlerweile acht Jahren in der Bundesrepublik lebt, mußte gleich fünf Zugaben geben. Bei der Abschlußveranstaltung der fünften »Woche der ausländischen Mitbürger« in der Sondelfinger Festhalle spielten neben der Sängerin und ihrem Ensemble auch die Rock ’n’ Roller von »Hocus Pocus«.

Die 32jährige Sängerin und Schauspielerin wurde 1974 durch ihre Mitarbeit bei »Der Freund« – ein Film des berühmten türkischen Regisseurs Yilmaz Güney – bekannt. Nach dem Militärputsch in ihrer Heimat kam Melike Demirag 1980 nach Deutschland; die türkische Staatsbürgerschaft wurde ihr aberkannt. Zusammen mit ihrem Mann Sanar Yurdatapan, der in der Sondelfinger Festhalle die verschiedenen Tasteninstrumente bediente und auch als Komponist der Musik verantwortlich zeichnet, und dem Saz-Spieler Orhan Temur begeisterte sie am Samstagabend die knapp 200 Zuhörer.

Die Sängerin hat eine enorm wandelbare, ausdrucksstarke Stimme, die sicher und spielerisch leicht über mehrere Oktaven reicht. Die Lieder der Demirag sind bekannt: An manchen Stellen sang das Publikum – zum großen Teil waren türkische Mitbürger gekommen – als Chor mit. Der Grund für die Begeisterung des Publikums lag aber sicher nicht nur an der überzeugenden Stimme: Orhan Temur, der am Samstag auf der Saz (das ist ein Mandolinen-ähnliches Saiteninstrument) und anderen traditionellen Instrumenten spielte, erwies sich als Meister. Neben unglaublicher Schnelligkeit auf dem Griffbrett wußte Temur auch durch sensibles Eingehen auf seine Mitmusiker zu überzeugen.

Den Löwenanteil am Klang des »Türkische Musik heute«-Ensembles machen die Elektronik-Geräte des Komponisten Sanar Yurdatapan aus: Mit etlichen Samplern und Tasteninstrumenten ersetzte er alleine ein ganzes Orchester mit Streichern, Holz- und Blechbläsern, Schlagzeug und einem Chor. In die – für deutsche Ohren doch ungewohnt klingende – Musik baute er immer wieder vertrautere Passagen ein: Von der westlichen Klassik bis hin zum modernen Jazz waren allerlei augenzwinkernde musikalische Zitate versteckt. Schade allerdings, daß die unmögliche Akustik der Halle die komplizierten Klänge manchmal zu einem dumpfem Gedröhn verschwimmen ließ.

Neben dem »Licht an, Licht aus«-Spielchen, das die Bewirtung mit den Veranstaltern spielte – die »Mehrzweck«-Halle ist im Neonlicht ungefähr so attraktiv wie der Reutlinger Bahnhof nachts um eins – war der schlechte Klang auch das einzig Negative, was sich über den Auftritt von »Hocus Pocus« sagen läßt: Die altgedienten und erfahrenen Musiker um Sänger Didi Schrade brachten wieder einmal die Leute zum Schwofen. Bei fetzigen Rhythmen und bekannt-beliebten Hits aus den 60ern, etwa »Come on«, dem Blues-Klassiker »Dust my broom« oder »You really got me« von den Kinks kam manch eine Tänzerin auf dem glatten Sporthallen-Parkett zu später Stunde beim Schwitzen ins Rutschen.

Martin Gerner


Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 03.10.1988.

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