Ein Label, so sagt Tibor Kneifs Lexikon der Rockmusik, ist die Marke oder das Etikett, unter welchem eine Schallplatte geführt und verkauft wird. Nicht jede Plattenfirma ist mit dem Label identisch – im Gegenteil: Eine Firma mit einem großen Vertriebsnetz vertreibt meistens mehrere Dutzend Labels. Heute wird der sogenannte Tonträgermarkt in zwei Lager geteilt: Es gibt die »Major Companies«, jene Branchenriesen, die immer mehr danach trachten, möglichst viele Schallplatten von möglichst wenigen Künstlern zu verkaufen. Dann gibt es noch die »Indies« – diese Bezeichnung leitet sich vom englischen »independent« (unabhängig) ab.
Die meist kleinen »independent labels« richten und richteten sich an ein meist kleines Publikum, das die von der Firma angebotene Musik goutiert und somit eine Käuferschicht darstellt. Der Idealfall ist, auch dafür gibt es viele Beispiele, wenn diese Käufer nicht nur nach den Künstlern fragen, sondern ganz gezielt die Platten eines bestimmten Labels kaufen. Wer beispielsweise eine »Motown«-Produktion in den späten 60er Jahren kauft, konnte sicher sein, damit einen ganz speziellen Sound, eben den »Motown-Sound« erworben zu haben. Es ist das Schicksal der kleinen Label, daß ihre Künstler, sollten sie einmal erfolgreich sein, mit entsprechenden Summen von den großen Plattenfirmen abgeworben werden.
Manch eine Firma, die heute als Großbetrieb oder Weltkonzern einen musikalischen Gemischtwarenhandel mit viel Radiomusik betreibt, hat als Spezialmarke für Kenner angefangen. »Atlantic« beispielsweise begann 1948 als reine Jazz- und Bluesmarke. Mit der 8000er-Serie, mit Künstlernamen wie Ray Charles oder Ruth Brown, machte »Atlantic« schwarze Musik erstmals für den weißen Markt akzeptabel und entwickelte sich zur führenden Soul-Marke. Seit 1967 ist »Atlantic« nur noch ein Sub-Label des Konzerns Warner Brothers, eine einheitliche Linie ist nicht mehr erkennbar.
Ein anderes Beispiel: »Energie für alle«, kurz »EFA« genannt, entwickelte sich vom kleinen, alternativ strukturierten Label zu einem der größten unabhängigen Musikvertriebe der Bundesrepublik und Europas. Ähnlich ging es »Rough Trade« und anderen: Durch die Aufteilung in viele kleine Labels, die manchmal nur ein Mini-Publikum erreichen, und dem Beharren auf einem alternativen Image haben sich diese und andere Firmen einen Anteil am Kuchen erobern können, frei nach dem Motto: Kleinvieh macht auch Mist.
Noch nie gab es so viele Labels wie heute. Die Zahl der großen Firmen nimmt durch Fusionen ständig ab, gleichzeitig aber sprießen überall kleine und kleinste Firmen aus dem Boden, die ein ganz anderes Verhältnis zur Branche, zur Rockmusik und zum Künstler haben. Manche widmen sich ganz speziellen aktuellen Musikrichtungen, andere machen ihr Programm an einem gewissen musikalischen Niveau fest, andere pflegen mit Verve alte Aufnahmen neu zu veröffentlichen. Einige dieser Labels werden an dieser Stelle in lockerer Folge und ohne Anspruch auf Vollständigkeit in den nächsten Wochen und Monaten vorgestellt werden.
uw/mpg
Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 14.01.1989.