Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Montag, 1. Dezember 1997

Oscar Klein & Romano Mussolini: Zwei für alle

Oscar Klein macht den Jazz-Kenner ebenso froh wie den Gelegenheitshörer. Zusammen mit Romano Mussolini erst recht.

Seit fast einem halben Jahrhundert steht er auf den Jazz-Bühnen, hat weit über 100 (!) Platten aufgenommen – und ähnelt doch dem Propheten, der im eigenen Land nichts gilt. Oscar Klein, 67, gebürtiger Österreicher (im Bild rechts), ist aber gleichermaßen als Trompeter wie als Gitarrist eine seit langem herausragende Figur der europäischen Jazzszene.

Oscar Klein und Romano Mussolini – Originalfoto aus KULTIMATIV 12/1997
Originalfoto aus KULTIMATIV 12/1997

Das liegt, keine Frage, ganz besonders an seinem sehr breitgefächerten Musikverständnis (»Nichts Schlimmeres, als den ganzen Abend ein Tenorsax-Quartett hören zu müssen«, sagt Klein) und seiner spieltechnischen Routine – aber auch daran, daß »Swing- und Dixieland-Trompeter international eher Mangelware sind«.

Und weil der Musiker (Klarinette und eine klasse Bluesharp spielt er nebenbei auch noch) kein introvertierter Eigenbrötler ist, sondern »die Kommunikation mit dem Publikum liebt, egal, ob's 20 oder 1 000 sind«, ist er einer der wenigen Oldtimer, die Live-Kenner ebenso zufriedenstellen können wie auch den Jazz-Gelegenheitshörer aufs beste unterhalten.

Als er 60 wurde, hat er sich gewünscht, »daß es wenigstens so wie jetzt weitergeht. . . . Ich habe mit vier Kindern auch schon sehr schwere Zeiten erlebt, kaum jemand kann ermessen, was für ein Existenzkampf das manchmal war«. Die berühmteste Band, in der Oscar Klein spielte, war die für ihre Professionalität bekannte »Dutch Swing College Band«. »Aber die war nie so berühmt wie beispielsweise die Bands von Chris Barber oder Acker Bilk«, sagt Oscar, der sich »nicht gern in die eigene Tasche lügt«.

Daß er und viele andere europäische Musiker nicht dieselbe Anerkennung bekommen wie ihre US-Kollegen, liegt für den erfahrenen Jazzer auch »an den sogenannten wichtigen Leuten bei Funk, Fernsehen, Kulturämtern und Festivals. Die sind gegenüber europäischen Künstlern fast grundsätzlich arrogant und abweisend. Bei amerikanischen Musikern werden sie servil und unsicher – auch deswegen, weil sie vom Jazz keine Ahnung haben . . . Da kann es dir passieren, daß du nach all den Jahren noch aufgefordert wirst, ein Demoband einzuschicken. Unglaublich!«

Dabei sind fast alle Platten, die Oscar Klein in letzter Zeit gemacht hat, bei der Kritik sehr gut weggekommen. Besonders fruchtbar ist für ihn die Zusammenarbeit mit Barbara Dennerlein oder Drummer Charly Antolini – aber auch in seiner aktuellen Formation »Jazz Show« scheint sich der stets swingende Multi-Instrumentalist pudelwohl zu fühlen.

Da machen die beiden Stuttgarter Jan Jankeye (Kontrabaß) und Gregor Beck (Schlagzeug) als traumhaft sicher eingespielte Rhythmusgruppe eine gute Figur – und mit Romano Mussolini (im Bild links) hat Oscar Klein einen ebenso vielfältigen, ebenso swingenden Piano-Partner zur Seite. Der jüngste Sohn des italienischen Diktators wechselt virtuos von romantisch-klassizistischen Läufen zu erdigem Blues, spielt sparsam-effektiv und zeigt doch immer wieder in verspielten Figuren seine technische Routine. Auf CD brennen die vier ein regelrechtes Swing-Feuerwerk ab, sehr lebendig und frisch, sehr ansprechend. Live, das lehrt die Erfahrung, ist Oscar Klein noch besser.

Martin Gerner

Oscar Kleins »Jazz Show« feat. Romano Mussolini: 21. Dezember, 20 Uhr, Casino, Tübingen


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 12/1997.

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