Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Donnerstag, 1. Januar 1998

mood records: Plattenbosse

... wollten die Macher des Jazz-Labels »mood records« nie werden. Aber die Mini-Firma ist erstaunlich erfolgreich.

20 Jahre lang hat »mood records«, das kleine Label unter der Leitung von Pianomann Wolfgang Dauner und dem heutigen »Theaterhaus«-Chef Werner Schretzmeier, im Haifischgetümmel der Branche nicht nur überlebt. Es hat sich mit rund 1,1 Millionen verkaufter Platten als dauerhaft attraktiv erwiesen. Das Erstaunliche: Der Erfolg – den Musiker, Macher und Fans jetzt feiern – kam nicht mit landläufigen Geschäftsprinzipien, wie Schretzmeier erzählt. Martin Gerner hat zugehört.

Werner Schretzmeier – Originalfoto aus KULTIMATIV 1/1998
Werner Schretzmeier · Originalfoto aus KULTIMATIV 1/1998

»Ganz zentral für den wirtschaftlichen wie künstlerischen Erfolg von ›mood records‹ ist, daß bei allen Beteiligten niemals die Geschäfte im Vordergrund standen, sondern bis heute, ganz altmodisch, persönliche Freundschaft. ›mood‹ gibt's vor allem deswegen seit 20 Jahren, weil zwischen uns keine Abnutzungserscheinungen aufgetreten sind.«

»Daß es ›mood‹ gibt, liegt am United Jazz & Rock Ensemble. Das wiederum geht zurück auf eine Fernsehsendung, die ich Mitte der 70er für die ARD produziert habe. Da spielten die ganzen Musiker mit. Der Jazzpionier Dieter Zimmerle hat mich dann mal gefragt, ob wir nicht mal ein Hörfunkkonzert machen wollten. Wir wollten – und die Sängerhalle in Untertürkheim war total überfüllt, Wolfgang und die anderen hatten nur 55 Minuten Programm und mußten fast alles zweimal spielen.«

»Da haben wir gemerkt, daß ein Bedürfnis für die Musik da ist, haben uns einen Gruppennamen einfallen lassen, und im Schützenhaus live aufgenommen. Da hatten wir dann eine Platte, aber noch keinen Vertrieb. Ich war bei vielen Plattenfirmen und bin überall auf freundliche Zuhörer, aber entschiedene ›Neins‹ gestoßen.«

»Wolfgang hat sich zu der Zeit mit seinem ›Urschrei‹-Projekt sehr kritisch mit den Produktionsmechanismen im Business auseinandergesetzt. Wir haben dann gesagt: Okay, bevor wir uns an irgend jemand binden, probieren wir's lieber selber. Die Gründer der GmbH waren Wolfgang, Albert Mangelsdorff, Ack van Rooyen, Volker Kriegel, einer vom ›Tonstudio Zuckerfabrik‹ und ich. Der ›2001‹-Versand hatte ein ähnliches Prinzip, die konnten die Margen niedrig halten, weil der Verwaltungswasserkopf klein ist: der perfekte Partner.«

Wolfgang Dauner – Originalfoto aus KULTIMATIV 1/1998
Wolfgang Dauner · Originalfoto aus KULTIMATIV 1/1998

»Der ursprüngliche Gedanke war, daß ein Musiker in der Produktion vom Honorar her nicht mehr das Schlußlicht ist, sondern vom Plattenverkauf überleben können muß. Das war damals der Zeit voraus und ist heute, wo Konzerte eigentlich nicht mehr zum Geldverdienen taugen und nur noch Öffentlichkeitsarbeit sind, der letzte Schrei.«

»Wolfgang und ich waren zwölf Jahre lang ehrenamtliche Geschäftsführer; jetzt beziehen wir eine Apanage auf niedrigstem Level. In unserem Heidelberger Büro machen zwei Leute fast die ganze Arbeit.«

»Das UJ+RE und die Biermösl Blos'n machen 60 Prozent der Verkäufe aus und ermöglichen die vielen Experimente. Die Biermösl waren in den frühen 80ern bei der ›Intercord‹ und sollten dort als krachlederne Naturburschen verkauft werden. Bei uns gab's nie einen Produzenten, die Musiker bestimmen nach wie vor selbst.«

»Besonders freut mich, daß Michael Naura (Hamburger Jazz-Koryphäe, Anm. d. Red.) unser Geburtstagsfest moderiert. Es wird auch mehrere Duos zu hören geben, unter anderem van Rooyen mit Jörg Reiter. Gerade ist die Schlußnummer in Arbeit – die Biermösl Blos'n spielen da zusammen mit den Leuten vom ›United‹.«

20 Jahre mood records: mit United Jazz & Rock-Ensemble, Biermösl Blosn, Modern String Ensemble und Charlie Mariano, 24. Januar, 20 Uhr, Theaterhaus, Stuttgart


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 1/1998.

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