Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Montag, 1. Juni 1998

Culture: Keine Kompromisse

Das ist doch mal was für die Reggae-Fundis: Culture ist wieder in Europa.

Bob Marley und die anderen Reggae-Helden der ersten Stunde sind schon lange tot. Oder sie bedröhnen sich lieber, als ins Studio zu gehen. Das Roots-Reggae-Feld wird heute von unzähligen mehr oder weniger guten Nachmachern bestellt – originell ist kaum eine dieser Gruppen.

Nur Culture ist nach wie vor aktiv, ohne sich wesentlich nach lauen Zeitgeist-Lüftchen gedreht zu haben. Seit mehr als 20 Jahren schon gibt es die Gruppe – und in dieser Zeit hat sich kaum etwas am ursprünglichen Konzept geändert.

Culture: Keine Kompromisse – Originalfoto aus KULTIMATIV
Originalfoto aus KULTIMATIV 6/1998

Culture spielt den Roots-Reggae kompromißlos: kein Dancehall, kein Lovers-Rock, kein Dub, sondern schläfrig blubbernde Bässe, typische Gitarrenakkorde im Offbeat plus Stimmband-Bemühungen, die die Bezeichnung Gesang auch noch verdienen.

1977 gründete Joseph Hill nach mäßigen Erfolgen mit seinen African Disciples das Vokaltrio Culture – und von Anfang an waren es die individuelle Stimme von Hill und seine vergleichsweise breite Ausdruckspalette, die zusammen mit den tief religiösen, teils ziemlich schwer verdaulichen politischen Texten Popularität brachten. Das Debüt »Two Sevens Clash« war damals ein Superhit in den Reggae-Charts und darf als echter Meilenstein auch heute noch in keiner Reggae-Plattensammlung fehlen. Keines der fast zwei Dutzend Alben danach erreichte je wieder diesen Status – aber Culture hat, glaubt man jedenfalls den Experten, auch keine einzige wirklich schlechte Platte produziert.

Auf deutschen Bühnen haben sich Joseph Hill und Co. schon immer ziemlich rar gemacht – den Spagat, einerseits das »Babylon System« in Grund und Boden zu verdammen und andererseits kräftig mit und in ihm zu verdienen, hat Culture längst nicht so oft und so lässig vollbracht wie andere.

Aber jetzt kommen die Reggae-Fundis mal wieder nach Europa – und daß Culture neben den großen Festivals zum Tourstart auch Tübingen berücksichtigt, spricht für dessen Ruf als schwäbische Reggae-Hochburg.

Martin Gerner

Culture: 26. Juni, 21 Uhr, Mensa Wilhelmstraße, Tübingen


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 6/1998.

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