Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Montag, 1. Juni 1998

Tori Amos: Das Höchste der Gefühle

Auch wenn die Emotionen schwer verdaulich sind: Tori Amos macht trotzdem gute Songs draus.

Man wirft sie gerne mit den »Neuen Wilden Frauen« des US-Popbusiness in einen Topf. Dabei ist Tori Amos trotz gewisser Parallelen zu Alannis Morisette oder Sheryl Crow ganz und gar eigenständig – vor allem, was die selbstbewußte Haltung innerhalb der immer noch von Männern dominierten Pop-Welt angeht: Sie macht ziemlich unverwechselbare Musik; und ihre oft sehr offenen Texte gehen bei den Fans als reinste Lyrik durch.

Das war nicht immer so: Nach einer wohlbehüteten Kindheit (inklusive Klavierunterricht, natürlich) als Pfarrerstochter unterschreibt sie mit 21 einen Vertrag bei »Atlantic Records« – und wird vom Plattenkonzern prompt mit einem falschen Konzept nicht aufgebaut, sondern eher ausgeknockt: Irgendwo zwischen Pat Benatar und Joan Jett angesiedelt, quälte sich Amos auf ihrem 88er-Debüt »Y Kant Tori Read« durch ein Hardrock-Repertoire, das hörbar nicht ihr eigenes war. Das Publikum reagierte auf die Scheibe – Covergestaltung Marke lasziv-verruchte Rocklady – mit konsequentem Konsumverzicht. Aus der Traum?

Tori Amos: Das Höchste der Gefühle – Originalfoto aus KULTIMATIV
Foto: Fotex · KULTIMATIV 6/1998

Keineswegs: Tori (»Ich landete letztlich auf den Knien und erkannte mich dabei selbst«) und ihr Management denken um – fortan soll die Sängerin und Songwriterin ihr eigenes Ding durchziehen dürfen. Und siehe da: Eine Tour im Vorprogramm von Marc Cohn bringt erste Erfolge, die Zuhörer mögen die Intensität von Amos' Gesang und ihrem Klavierspiel. Als dann vier Jahre nach dem vergurkten Debüt Toris »eigentlich echte erste« Platte »Little Earthquakes« erscheint, sind alle hin und weg. Fans und Presse bejubeln in seltener Einmütigkeit die in höchst emotionalen Gesang verpackten Seelen-Erschütterungen.

Ein schwer verdaulicher Hit: Die Texte dieser »Kate Bush mit dem Messer« (Frankfurter Rundschau) sind nämlich alles andere als leichtfüßig. Sie handeln von Sex, Gewalt, problematischen Beziehungen – und gipfeln bei »Me And A Gun« in einem a-capella-Song über das Trauma der Vergewaltigung.

»Meine Songs kommen eher aus dem Bauch als aus dem Kopf«, sagt Tori, »heute ist die Erfahrung, daß man seine Gefühle nicht in sich verschließen darf, sondern sich bewußt mit ihnen auseinandersetzen muß, der wichtigste Katalysator für meine Arbeit. Jeder ist doch die Summe seiner Erfahrungen, für unser Dasein ist entscheidend, was wir aus diesen Erfahrungen machen. Und bei mir münden sie halt in Musik«.

Die ist – von Nat King Cole über John Lennon und Jimi Hendrix bis hin zu Gershwin – von einer breiten Palette an Vorbildern und Vorlieben beeinflußt. Und wurde auf den bisher drei Alben (neben dem Debüt noch »Under The Pink« und »Boys For Pele«, das sich in 18 Songs mit Toris Verhältnis zu Männern beschäftigt) meistens sparsam und elegisch klingend umgesetzt. Das letzte Studiowerk von Amos war dann auch für die einen »eine Platte von kaum zu überbietender Intensität« (Musikexpress/Sounds) – für andere litt sie an »quälender Quantität« (Rolling Stone).

Auf der aktuellen Deutschlandtour gibt es jetzt wieder eine ganze neue Tori Amos zu erleben, jedenfalls musikalisch: Zum erstenmal seit zehn Jahren nämlich läßt sich die Dame mit den sperrigen Texten wieder von einer Band begleiten.

Martin Gerner

Tori Amos & Band: 14. Juni, 19 Uhr, Messezentrum Killesberg, Stuttgart


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 6/1998.

Artikel teilen

Papier ist geduldig...

...das Internet noch mehr! In diesem Blog finden Sie einen Querschnitt durch einige Tausend Artikel und Kritiken, die ich als Journalist, Kr...