Warum Kenny Wheelers Name unter Jazzern einen goldenen Klang hat.
Beim »United Jazz + Rock Ensemble« (das er mitgegründet hat) geht er neben den großen Publikumslieblingen Dauner, Mangelsdorff und Thompson fast etwas unter. Würden Kenny Wheelers lyrisch und gleichzeitig oft ebenso vertrackt wie ekstatisch klingende Linien auf dem Flügelhorn und der Trompete tatsächlich fehlen – der Klang der wohl beliebtesten europäischen Bigband wäre ein ganz anderer.

Der in Toronto geborene und aufgewachsene, später nach England übergesiedelte Musiker ist einer von den leisen, bescheidenen Jazzstars, der stets ernsthaftes zurückgezogenes Arbeiten dem auch in diesem Genre zunehmenden Marketing- und Medienrummel vorzieht.
Und Wheeler, der in diesem Jahr sein 60. Lebensjahr vollendet, ist ein »musicians musician« (ein Musiker, der vor allem bei Insidern hervorragenden Ruf genießt) ohne Scheuklappen. Mit vergleichsweise traditionell orientierten Kollegen »kann« er ebenso, wie er gut zehn Jahre lang ab Mitte der Sechziger zur Speerspitze der Free-Avantgarde gerechnet wurde: Anthony Braxton oder Alexander von Schlippenbach waren damals Weggefährten. Dass er auch im Jazzrock-Kontext »amtliche« Beiträge liefert, hat er mit dem »UJ+RE« bewiesen, Gratwanderungen zwischen Jazz und Klassik (unter anderem mit Friedrich Gulda) waren ebenfalls erfolgreich.
Martin Gerner
Kenny Wheeler Quartet: 27. Januar, 20.30 Uhr, Deutsch-Amerikanisches Institut, Tübingen
Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 1/2000.