Diana Krall, Özay und Amina Claudine Myers benutzen ihre Stimmbänder zur Kunstproduktion, und alle werden sie ins »Jazz«-Plattenfach gestopft. Mit Äußerlichkeiten wie diesen (samt dem Fakt, dass sowohl Krall wie auch Myers einen respektablen Ruf als Pianistinnen haben) sind die Gemeinsamkeiten aber schon abgehakt.
Und wer die Karriere-Linien der Jazzerinnen miteinander vergleicht, darf wieder mal feststellen, dass heutzutage auch im Jazz geschickte Marketing-Mechanismen greifen, die anderswo im Poplife schon seit Jahrzehnten immer wieder ihre umsatzsteigernde Wirkung zeigen...
Die Anti-Star-Masche: Diana Krall, die Mittdreißigerin aus Kanada, hat auf der Bühne die Effektlosigkeit zum (effektvollen!) ehernen Stilprinzip erklärt – und in Interviews erklärt sie immer wieder vehement, dass sie kein Star sein will, dass ihr der ganze Rummel um ihre Person und noch mehr elegische Beschreibungen ihres Äußeren auf den Wecker gehen. Aber sowohl die Fach- als auch die Glamourpresse in den Staaten wird von der Jazzerin eifrig bedient – und wenn Krall sich über glamouröse Illustrierten-Fotos (im »Babe-Style«, auf neudeutsch...) echauffiert, dann ist sie nicht sehr glaubhaft: Auf entsprechenden Hochglanz-Titeln sieht die Musikerin nicht gerade aus, als wenn sie zu den Foto-Sessions gezwungen worden wäre.
Diana Krall hat solides Handwerk und viel Talent mit hervorragendem Management kombiniert, ist damit an die Spitze beileibe nicht nur der Jazzcharts gestoßen. Geholfen haben ihr dabei auch so renommierte Musiker wie Ray Brown, der als Marketing-Profi in der Szene bekannt ist – und vielleicht auch ein bisschen die Tatsache, daß die Kanadierin »nur« populäre Standards neu interpretiert.
Die in Istanbul geborene und in Berlin lebende Özay und mehr noch Amina Claudine Myers, weltweit anerkannte Tasten-Fachfrau in Sachen schwarzer Musiktradition, haben kein bissiges Management und ungleich weniger Erfolg – obwohl sie mit Sicherheit zur Jazz-Entwicklung wesentlich mehr beigetragen haben als Krall, letztendlich auch die aufregendere Musik bieten.

Myers ist ein echter Workaholic, pausenlos ist sie rund um den Globus in Sachen Musik mit eigenen und fremden Formationen unterwegs, übt Lehrtätigkeiten an verschiedenen US-Universitäten aus, leitet Gospelchöre, schreibt Stücke oder experimentelle Ballettmusiken.
Die »roots« ihrer Kultur spielen eine dominante Rolle bei der furiosen Pianistin und Organistin – und Improvisation wie Experimentiergeist auch, beides klassische Jazzertugenden. Rock und Rhythm'n'Blues, Soul und Funk, stockkonservativer Gospel und Free-Eskapaden mit Lester Bowie oder Sonny Sharrock: Amina Claudine Myers tanzt auf vielen Hochzeiten und liefert stets eindrucksvolle Vorstellungen.
Ebenso Özay, die Wandlerin zwischen den Kulturen. Mit ihrer warmen Altstimme bringt die auch als Schauspielerin bekannte (»40 qm Deutschland«, »Der Fahnder«, »Wolffs Revier«) Wahl-Kreuzbergerin prima den Blues mit dem Bosporus zusammen. Sie gilt als eine der besten Balladensängerinnen Europas – und hat doch auch mit den wichtigen Neutönern der Szene in der alten Welt zusammengearbeitet. Das Zusammentreffen von Özay und Myers in einem Konzert könnte ein erstes Highlight des neuen Jahres werden.
Martin Gerner
Diana Krall Group, Dianne Reeves: 6. Februar, 20 Uhr, Liederhalle, Stuttgart; Amina Claudine Myers und Özay: 2. Februar, 20.30 Uhr, Jazzclub in der Mitte, Reutlingen
Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 2/2000.