Arab-Jazz mal anders: Dave Holland hat sich spannende Partner gesucht.
Dave Holland ist anders. Der Weltklasse-Jazzbassist hat seinen Kontrabass, wann immer er konnte, aus den Fesseln der Rhythmusknecht-Rolle befreit. Kein leichtes Unterfangen, selbst im Jazz nicht. Viele Musiker tupfen in ihren Kompositionen ein paar Bassnoten hin, weil's halt so ein nettes Fundament gibt. Der in England geborene Mittfünfziger Dave Holland wollte schon früh mehr – und vermutlich hat auch diese Einstellung, verbunden mit einer außerordentlichen Begabung, zu seinem schnellen Aufstieg beigetragen.
Ein Schnellstarter: Im zarten Alter von vier Jahren schlug der spätere Meister angeblich schon respektabel die Ukulele, wechselte mit zehn zur Gitarre und mit dreizehn zum Bass: »Ich hab' damals die Instrumente und die Musik wie die meisten gelernt, im Do-it-yourself-Verfahren durchs Radio und aus Songbooks.«

Als blutjunger Teenie hatte Holland schon eine eigene Band, mit der er in den lokalen Clubs von Wolverhampton auftrat – und mit 15 schmiss Dave die Schule, um als Profi-Musiker zu leben. Er wechselte nach London, hatte Jobs als Begleiter von Johnny Ray oder als Restaurant-Musiker und studierte an der renommierten Guildhall School.
1965 spielte Dave noch ziemlich traditionell orientierten Jazz – und drei Jahre später hörte ihn Miles Davis in Ronny Scotts Club in London, engagierte den technisch brillanten, musikalisch frischen Neuling vom Fleck weg in seine Band.
Ein besseres Engagement ließ sich kaum denken, schließlich hat Holland in der Folgezeit bei Meilenstein-Produktionen wie »In A Silent Way« oder »Filles de Kilimanjaro« und vielen anderen berühmten Miles-Scheiben mitgewirkt. Und damit schon in jungen Jahren einen Bekanntheitsgrad erreicht, von dem andere eine ganze Karriere lang nur träumen.
Aber für Dave Holland war's nur eine Phase. Und noch nicht mal künstlerisch eine sonderlich fruchtbare. Zumindest nicht, was den »elektrischen« Miles anbetrifft. »Da hat mir oft der Platz zum Atmen gefehlt, das war zu dicht arrangiert. Ich konnte mein Instrument bei Miles nicht als Bewegung und Sound in der Musik einsetzen, den Bass nicht weiter erforschen«, gab Holland später einmal zu Protokoll.
Die Tieftonlandschaft erkundete der leise auftretende Musiker später mit Chick Corea oder Stan Getz als Partner, arbeitete viel und gern mit anderen Musikern des Münchner Edel-Labels »ECM« von Manfred Eicher zusammen: John Abercrombie, Kenny Wheeler, Jan Garbarek oder Jack deJohnette waren über die Jahre hinweg Wegbegleiter des Bassisten.
Und natürlich Drummer John Surman, mit dem Holland schon als Jungspund zusammen schrammelte – und der auch jetzt wieder im neuesten Holland-Projekt »Trio Thimar« dabei ist. In dieser Formation, deren Solist der tunesische Oud-Virtuose Anouar Brahem ist, geht's um die Verschmelzung orientalischer mit okzidentaler Tonkultur. Arab-Jazz mal anders – schließlich macht Dave Holland mit.
Martin Gerner
Thimar Trio (Anouar Brahem, John Surman, Dave Holland): Nürtinger Jazztage, 18. März, 20 Uhr, Kreuzkirche, Nürtingen
Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 3/2000.