Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Montag, 1. Mai 2000

Reutlinger Jazzfrühling: Starparade

Eine kleine und äußerst feine Reihe: Der Reutlinger Jazzfrühling setzt auf musikalische Prominenz.

Der Reutlinger Jazz-Frühling kommt mit Macht. Am 30. April startet die kleine, von Bassmann Tobias Festl und dem Jazzclub in der Mitte organisierte Starparade unter der Achalm – mit einem Konzert des Quintetts von Gitarrist Philipp Catherine. Der zählt seit den siebziger Jahren zu den Weltbesten seines Fachs, und zur Garde der »lyrischen« Geschichtenerzähler auf der Gitarre auch.

Aber es kommt definitiv noch besser. Beim Jazz-Frühling in Reutlingen ist nämlich auch Dieter Ilg mit seinem Trio mit von der Partie. Geht es um die Qualitäten des 39jährigen Jazzers aus Offenburg, sind sich Kritiker und Zuhörer seit Jahren einig – und zwar weltweit.

Reutlinger Jazzfrühling: Starparade – Originalfoto aus KULTIMATIV
Dieter Ilg, Valery Ponomarev und Jimmy Cobb · Originalbilder aus KULTIMATIV 5/2000

Aufhören ließ der Kontrabassist schon vor fünfzehn Jahren mit der Klaus Ignatzek Group, schnell war Ilg über die Grenzen des Ländles und der Republik hinaus bekannt. Sein professionelles Verständnis seines Handwerks, sein sehr empfindliches Einfühlungsvermögen im Spiel mit anderen Kollegen – vor allem aber sein zupackender Ton und seine sangliche Phrasierung dürften ihm dabei geholfen haben.

Ilg traf früh in New York auf – 1987, mit Dave Liebman und anderen beim »John Coltrane Memorial Concert«. Das war eine ganze Weile, bevor er dann zu Hause den baden-württembergischen Jazzpreis verliehen bekam. Er hat so querbeet mit allen möglichen Spitzen-Kollegen gespielt – Albert Mangelsdorff oder Charlie Mariano sind da nur die prominentesten.

Mit dem »elder statesman« der europäischen Jazzsax-Szene lieferte Ilg – der über die Jahre hinweg immer wieder auch in den Clubs der Region gastierte – schon mal ein denkwürdiges Konzert in Reutlingen.

Dass er jetzt auch auf der Abschiedstournee seiner derzeitigen, hochgelobten Trio-Besetzung (mit Drummer Steve Arguelles und Wolfgang Muthspiel) wieder hier gastiert, muss was mit dem direkten Draht zu tun haben, den die Tieftöner Festl und Ilg wohl zueinander gefunden haben.

So kommen die Jazzfans der Region wieder in den Genuss seiner Musik, die »überzeugt und begeistert« (»Jazzthing«), »clever erdacht und schlichtweg brilliant gespielt wird« (»Jazztimes«, USA) und »Ohrwürmer mit künstlerischem Gehalt« bringt (»Jazzthetik«).

Auch beim dritten Teil des Reutlinger Jazzfrühlings liegt die Messlatte der Erwartungen ziemlich hoch. Der russische Trompeter Valery Ponomarev ist nämlich nicht nur selber seit seiner Flucht aus der Sowjetunion nach New York in den Siebzigern zum Szene-Star avanciert. Ponomarev, der sich unter anderem mit seiner intensiven Arbeit bei den »Jazz Messengers« von Art Blakey profilierte, bringt in der Quintett-Besetzung seiner eigenen Formation »Universal Language« nämlich eine echte Jazzlegende mit, eine Schlagzeug-Ikone: den Schlagzeuger Jimmy Cobb (70).

Cobb gilt als einer der wichtigsten Drummer der Jazzgeschichte überhaupt; die Liste der Musiker, die sich von ihm begleiten ließen, ist schier endlos. Miles Davis, McCoy Tyner, Jimmy Smith und Wes Montgomery sind die bekanntesten jener Stars, die auf das zupackende und hochpräzise Spiel des Klopf-Meisters nicht verzichten wollten. Cobb ist zum ersten – und vermutlich auch zum letzten – Mal in der Gegend zu hören. Eine garantiert einmalige Gelegenheit für die Reutlinger Jazzfans, den Star live zu erleben.

Martin Gerner

Dieter Ilg Trio: 7. Mai, 20 Uhr, Maximilian, Reutlingen; Valery Ponomarev Quintet featuring Jimmy Cobb: 14. Mai, 20 Uhr, Jazzclub in der Mitte, Reutlingen


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 5/2000.

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