Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Freitag, 1. September 2000

Benny Wallace: Gewaltiger Seelen-Sound

Benny Wallace ist weiß, spielt schwarz und sitzt zwischen den Stühlen.

Benny Wallace ist ein Bleichgesicht – aber eines, dessen Saxophonspiel sozusagen die Quintessenz der schwarzen Jazztradition vereint. Der Mann »bläst einen gewaltigen Seelen-Sound, in dem die Ober- und Untertöne aller Brüder, Väter, Groß- und Überväter der Jazzgeschichte mitschwingen«, sagt der Schweizer Jazzkritiker Peter Ruedi, und liefert damit eine treffende Kurzbeschreibung des Mittfünfzigers.

Benny Wallace: Gewaltiger Seelen-Sound – Originalfoto aus KULTIMATIV
Originalfoto aus KULTIMATIV 9/2000

Wallace erinnert manchmal an den legendären Eddie »Lockjaw« Davis, tönt einschmeichelnd warm wie Coleman Hawkins und aggressiv-rotzig wie einst Eric Dolphy. Der Mann, der mit zwölf auf der Klarinette begann und sich mit 22 als Profimusiker ins Nachtklub-Leben stürzte, läßt sich nicht auf einen Stil oder ein Genre festlegen. Für manchen seiner Kollegen ist es ein Problem, zwischen den Stühlen zu sitzen – Wallace macht der Spagat zwischen Roots-Pflege und Innovation nichts aus. Im Gegenteil: Manchmal klingt's bei ihm, als würden sich zwei Musiker ein Instrument teilen: Traditionalismen als Grundlage fürs Experiment. Mainstream avantgardistisch, sozusagen.

Schon die erste Platte von Wallace, »Fourteen Bart Blues«, erregte Aufsehen – unter anderem wurde der Tenorsaxophonist dafür mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Weitere Aufnahmen mit Chick Corea, Dave Holland oder Elvin Jones folgten. Danach machte sich Benny auf, seine heimatlichen Wurzeln – er stammt aus Tennessee – zu erkunden: Zusammen mit Ausnahme-Posaunist Ray Anderson, Gitarrist John Scofield, New-Orleans-Legende Dr. John und Schnellfeuer-Bluesmann Stevie Ray Vaughn erforschte Wallace den Südstaaten-Gospel und die weiße Seele des Blues.

Und dann war (jedenfalls für die Jazz-Öffentlichkeit) eine Sendepause angesagt. Wallace fühlte sich vom »Musikbusiness angeekelt« und arbeitete fortan im vergleichsweise stillen Kämmerlein als Film-Komponist. Erst, als er 1998 für einen Kollegen ein paar Soli im Studio blies, packte ihn das alte Jazz-Fieber wieder.

Er meldete sich eindrucksvoll zurück: »Someone To Watch Over Me«, die Comeback-CD, wird von vielen Kritikern als eine der berührendsten Gershwin-Hommages überhaupt angesehen. Auch da treffen sich bei Wallace wieder Tradition und Avantgarde: Sein Spiel ist überaus fantasiereich und experimentierfreudig – aber die seelenvolle Intensität, mit der Wallace Klassiker wie »I Loves You Porgy« interpretiert, scheint aus längst vergangenen Jazz-Tagen zu kommen.

Martin Gerner

Benny Wallace & Gruppe: 30. September, 20.30 Uhr, Jazzclub in der Mitte, Reutlingen


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 9/2000.

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