Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Donnerstag, 1. März 2001

Bobo Stenson: Einfach cool

Bobo Stenson: Eigenwillig, perfekt und manchmal ziemlich schräg.

Bobo Stenson ist cool. Der 57-jährige Schwede zählt seit drei Jahrzehnten zu den besten europäischen Pianisten – und ist einer der wenigen, die einen unverwechselbaren Stil geprägt haben: Wie neben ihm vielleicht nur noch Jan Garbarek hat Bobo Stenson die Geschichte des in der Jazzlandschaft sehr bedeutsamen deutschen ECM-Labels mitgeschrieben.

Und dessen Sound geprägt. Auf unzähligen Scheiben ist das melodisch-lyrische, manchmal gar »rhapsodisch« titulierte Klavierspiel des ursprünglich von McCoy Tyner geprägten Pianisten zu hören. Garbarek, Charles Lloyd Don Cherry, Gary Burton oder Terje Rypda sind nur die berühmtesten der Kollegen, mit denen Stenson über Jahre hinweg jene Sorte Musik gemacht hat, die inzwischen weltweit als »Euro-Jazz« etikettiert höchstes Ansehen genießt. Zusammen mit Bassist Anders Jormin und Drummer Jon Christensen bildete Stenson von Anfang an die Standard-Rhythmusgruppe des Münchner Labels.

Bobo Stenson: Einfach cool – Originalfoto aus KULTIMATIV
Originalfoto aus KULTIMATIV 3/2001

Das Trio, und darin insbesondere Stenson, hat dabei stets mehr geleistet, als es normalerweise der Job von Studio-Rhythmusknechten ist: Die internationale Kritik rühmt an Bobo Stenson besonders seine Fähigkeit, musikalische Intensität in weiträumigen Arrangements zu schaffen, seine meistens gelungenen stilistischen Gratwanderungen zwischen »E« und »U« sowie die gelungene Fusion notierter Musik mit freier, manchmal auch im Free-Jazz-Verständnis schräger Improvisation.

Bob Stenson klingt cool. Wie vor ihm eigentlich nur Bill Evans erzeugt der Schwede mit seinem sparsamen, oberflächlich kühl-überlegt wirkenden Tasteneinsatz große Spannung. Als Begleiter anderer Solisten wirkt er perfekt unterstützend im Hintergrund und hinterlässt doch seine ureigene Handschrift. Als Chef seines eigenen Trios schafft er es (wie Evans) gleichzeitig, alle Fäden in der Hand zu halten und dabei doch mit Christensen und Jormin gleichberechtigt zu jammen.

Und weil alle drei eben seit den Siebzigern sehr oft miteinander spielen, sich ideal ergänzen und gegenseitig Raum lassen, gibt es auch auf der aktuellen Veröffentlichung des Bobo Stenson Trios, »Serenity«, eigentlich keinen Star und seine Begleitgruppe zu hören, sondern drei Jazz-Individualisten, die dem unterschiedlichsten Material ihren Stempel aufdrücken.

Welch spannende Interpretationen beispielsweise von Hanns Eislers »Pflanzenbaum«, der »Nachtigall« von Alban Berg oder, um ein Beispiel aus dem Jazz-Bereich zu nennen, Wayne Shorters »Sweet Pea« die drei auf Lager haben, können die Kammerjazz-Fans in der Region auch live erleben: Das Tübinger Sudhaus dürfte bei diesem Ausnahme-Konzert wieder mal ziemlich zügig ausverkauft sein.

Martin Gerner

Bobo Stenson Trio: 30. März, 20.30 Uhr, Sudhaus, Tübingen


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 3/2001.

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