Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Sonntag, 1. Juli 2001

Nils Petter Molvaer: Einfach cool

Nils Petter Molvaer bedient das Klischee und liefert meditativ-entspannende Musik.

Ist es Jazz? Pop? TripHop? Dancefloor? Dogmatische Schubladendenker tun sich schwer, den norwegischen Trompeter Nils Petter Molvaer einzuordnen. Vielleicht ist der Überflieger ja auch gerade deswegen so erfolgreich, weil er in seinen Konzerten eine ganz bunte Stilpalette unterbringt.

Sein Album »Khmer«, vor drei Jahren veröffentlicht, hielt sich monatelang in den Jazzcharts, verkaufte sich wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln – und diente gar einer ganzen Reihe von Dancefloor-Künstlern als Basis für ihre Remix-Versionen. Unter anderem haben »Rockers Hi-Fi« und »The Herbalizer« die Discos landauf, landab »verkmehrt«.

Nils Petter Molvaer: Einfach cool – Originalfoto aus KULTIMATIV
Originalfoto aus KULTIMATIV 7/2001

Ganz schön beachtlich für einen, der strenggenommen vor dieser Platte beim internationalen Publikum ein Noname war – auch wenn schon Ende der 80er beispielsweise Elvin Jones, George Russel oder Gary Peacock auf den heute 41jährigen aufmerksam wurden. Molvaer, der’s auf der Musikhochschule von Trondheim nur ganze zwei Jahre ausgehalten hat, ist ein Musician’s Musician gewesen, ein Musiker, der hauptsächlich unter den Kollegen einen guten Ruf genießt.

Nach seiner kurzen Studiozeit und unzähligen Sessions, auf denen er auch mal Bass oder Keyboards bediente, spielt und nimmt Molvaer mit Oslo13 und Arild Andersens Masqualero bei ECM Platten auf, die sich aber an dem Megaseller-Status von »Khmer« überhaupt nicht messen lassen. Der geheimnisvoll-ätherische, dann wieder schwer triphoppige Soundtrack, die vielen mystisch anmutenden Räubereien in World-Music-Gefilden, die atmosphärisch dunkle Bühnenbeleuchtung – all das lässt sich mit den Vorlieben und Einflüssen des Norwegers erklären: Bis zum 16. Lebensjahr einerseits von »normalem« Rockpop der 60er und 70er wie auch von seinem jazzenden Vater geprägt, wurde er dann zum glühenden Miles-Verehrer: »Ich hab’ Bitches Brew und Agartha dauergehört, ich liebe diese Musik heute immer noch – und in gewisser Weise ist Khmer dieser Tradition auch verbunden.«

Mag sein – aber die Zutaten waren, mal abgesehen von jenen typischen »Miles Tones«, die ansatzlos aus dem Nichts zu kommen scheinen, doch in den Neunzigern ganz andere als 20 Jahre vorher. Ebenfalls ein langwieriges Studio-Session-Projekt, waren bei Molvaer in der Planung und Verwirklichung jede Menge Computer beteiligt. Und neben dem stets experimental veranlagten Grenzgänger Bill Laswell von »Massive Attrack« bis zu schrägen Techno-, Jungle- und Drum’n’Bass-Importen aus England jede Menge Einflüsse beteiligt, die »gestandene« Jazzer eigentlich gar nicht anhören möchten. Fünf ganze Jahre haben Molvaer und Co. an »Khmer« gewerkelt. Das war nur möglich, weil Co-Produzent Ulf Holand auch Studiobesitzer in Oslo ist – und Nils Petter jede freie Stunde darin aufnehmen ließ.

Die lange Produktionszeit mag für manchen ein Grund sein, warum das Album wie auch Molvaers – von Computer-Sequenzen zeitabhängigen – Konzerte trotz allem Stilmischmasch abgezirkelt, fein ausbalanciert und emotional eher zurückgenommen wirken.

Ein musikalisches Zusammentreffen von Miles mit Techno, von Don Cherry mit Dulcimer-Tönen, von triphoppigen Phasenverschiebungen mit groovigen Afro-Bass-Loops könnte man sich ja auch schweißtreibend vorstellen – bei Molvaer trifft aber das Klischee von der »nordischen Kühle« den Nagel auf den Kopf. Aufregen tut seine Musik wohl niemanden, aber seine zahlreichen Fans lieben den meditativ-entspannenden Charakter von »Khmer«.

Martin Gerner

JazzOpen Stuttgart 2001: mit Nils Petter Molvaer, Al Jarreau, St. Germain, Dee Dee Bridgewater und weiteren Künstlern (vergleiche KultUhr); 12. bis 15. Juli, Liederhalle, Stuttgart


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 7/2001.

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