Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Sonntag, 1. April 2001

Jürgen Friedrich: Romantiker

Jürgen Friedrich und sein Trio lieben die leisen Töne. Und die langsame Gangart.

Gäbe es in der Jazzszene eine Entsprechung zur »Slow Food«-Bewegung – Jürgen Friedrich wäre garantiert einer der Protagonisten. Andere mögen sich mit hohem Noten-Durchsatz oder schierer Instrumental-Artistik als mehr oder weniger wilde Junge durchbeißen und etablieren zu wollen. Der junge Kölner Jazzpianist in den Dreißigern hingegen scheint unendlich Zeit und Muße zu haben – auf den Plattenproduktionen unter eigenem Namen sind Stücke in mittlerem oder gar schnellem Tempo absolute Mangelware.

Natürlich ist Friedrich – wie fast alle europäischen Jazzer heutzutage – ein versierter, ja brillanter Techniker. In seinem Stück »Monchichi« oder auch als Sideman anderer Kollegen lässt er manch groovig-swingendes Kabinettstückchen hören.

Jürgen Friedrich: Romantiker – Originalfoto aus KULTIMATIV
Foto: pr · KULTIMATIV 4/2001

Aber in seinen eigenen Projekten erweist sich der Pianist, der Ende der 80er fast wie ein Shooting Star auf der internationalen Szene auftauchte, als sensibler Romantiker, meist introvertiert auf Samtpfötchen die schwarzweißen Tasten absuchend. Für Friedrich – das wird jedem schnell klar, der seine Trio-CD’s anhört – besitzen die nicht gespielten Noten genauso große Priorität wie die gespielten. Wohl wegen dieser Veranlagung, aber auch, weil er als Komponist und Arrangeur vielseitig, flexibel und einfallsreich ist, hat er vor drei Jahren als erster Deutscher überhaupt den international renommierten und begehrten Gil-Evans-Preis erhalten.

Dazu kommt, dass der Pianist im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auf diesem ideal für Egomanen geeigneten Instrument alles andere als ein egoistischer Solist ist. Sondern einer, der ganz genau hinhört, was seine Mitmusiker machen.

Deswegen jubeln Kritiker und Mitmusiker auch unisono über Friedrich. Das »jazzThing« lobt seine »bewegende, hoffnungsfrohe, grandiose Musik ohne einen einzigen Mangel«, das Jazzpodium hörte »wunderbare Trioaufnahmen, filigran strukturiert und fein ausbalanciert«. Und die Netz-Kollegen von allaboutjazz.com freuten sich, dass Friedrich zusammen mit seinen kongenialen Triopartnern John Hebert (Kontrabass) und Tony Moreno (Schlagzeug) »gleichzeitig Avantgardisten bedient, ohne Mainstream-Hörer zu verschrecken«.

Könnte man sich einen derzeit besser geeigneten Ort für die »absolut einzigartige Atmosphäre und das wirklich magische Feeling von Jürgen und seinem Trio« (Saxophon-Star Dave Liebman über den Deutschen) in der Region als das Tübinger »Ristorante Brio« vorstellen?

Martin Gerner

Jürgen Friedrich Trio: 23. April, 20.30 Uhr, Ristorante Brio, Tübingen


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 4/2001.

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