Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Montag, 7. Juli 1986

Kunst, Technik und Geschichte

Projekt der Metzinger Seybold-Schule

Projekttage fanden in den letzten Wochen wieder an vielen Schulen Baden-Württembergs statt. Sie ermöglichen den Schülern, Lernstoff „vor Ort“, in der direkten Beschäftigung mit der Sache, zu begreifen. Etwas ganz Besonderes konnte Wendelin Hoffmann, Lehrer an der Metzinger Seybold-Schule, dieses Jahr seinen Schülern anbieten. Verband er doch gleich drei verschiedene Fächer zu einem interessanten Projekt. Die Schüler – eine achte Klasse – sollten verschiedene Deckel der Metzinger Kanalisation durchfrottieren (siehe Kasten). Anhand der meist eingravierten Jahreszahlen sollte an einzelnen Beispielen konkret Metzinger Stadtgeschichte erarbeitet werden. „Ganz nebenbei“ erfuhren die Schüler von Jürgen Vollmer, dem Leiter des Tiefbauamts, Wissenswertes über die Technik der Abwasserbeseitigung.

Ausschnitt aus dem Schreibmaschinenmanuskript: Kunst, Technik und Geschichte
Ausschnitt aus dem Originalmanuskript · Martin Gerner

Mit Eifer dabei

Unter dessen Führung ging’s gleich am ersten Tag unter die Erde: Ein wenig mulmig wurde es dem einen oder anderen schon, als die Jungen – Mädchen waren bei dem Projekt nicht dabei – gebückt durch eine Röhre zu einem unterirdischen Auffangbecken geführt wurden. Das Röhrensystem, das durchschnittlich 3m unter der Erde liegt, kann bis zu 700 Liter Wasser – etwa 6 Badewannen – in die richtigen Bahnen lenken.

Mit schmerzendem Rücken und wegen des schnellen Helligkeitsanstiegs blinzelnd gingen die Schüler an die zentrale Aufgabe des Projekts. Bewaffnet mit großformatigem Papier, Wachsmal- und Graphitstiften wurden verschiedene Kanaldeckel durchfrottiert. Erstaunte Gesichter gab es, als sich interessante Muster auf dem Papier abzuzeichnen begannen. Die Bilder, später im Treppenhaus der Schule aufgehängt, zeigen eine überraschende Formvielfalt, die kaum einem auffällt, wenn er die Vorlagen der Frottagen buchstäblich mit Füßen tritt.

Zeugen der Geschichte

In einer Chronik wurde ein Hinweis auf den Ausbau der Mezinger – so schrieb man die Nachbarstadt noch vor hundert Jahren – Kanalisation gefunden. Aus einem Artikel des Metzinger Anzeigers vom 26.9.1979 war zu erfahren, daß bei eben diesen Ausbauarbeiten menschliche Skelette gefunden worden waren. Zunächst konnte sich die Projektgruppe darauf keinen Reim machen; die Herkunft der Funde war aber bald geklärt: Schwedische Soldaten zogen 1634 im dreißigjährigen Krieg durch Metzingen. Dabei kam es zu Kämpfen mit kaiserlichen Truppen. Von diesem Kampf wären die gefundenen Skelette übriggeblieben.

Weiter erstellten die Schüler ein Geschichtsfries: Zu einer fortlaufenden Tafel der geschichtlichen Ereignisse wurden Jahreszahlen und Standorte der frottierten Kanaldeckel geschrieben – auch eine Art der Dokumentation des Ausbaus der Metzinger Kanalisation. Auch das Gefälle der verschiedenen Röhrensysteme, deren Höhe über dem Meeresspiegel peinlich genau ausgemessen wird, wurde auf einer Karte festgehalten. Ebenso die Enge der Röhren; hier zeichneten die Schüler einen Querschnitt in Originalgröße.

Zuletzt ging die Gruppe selber auf künstlerische Spurensuche. Die einfache Technik erlaubt es, alle Gegenstände mit rauher Oberfläche abzubilden. Verständlich, daß Fensterscheiben doch sehr abstrahiert reproduziert wurden…

Was hat am meisten Spaß gemacht? Die Schüler: „Daß wir nicht die ganze Zeit in der Schule Unterricht hatten!“ Und was war am interessantesten? „Die Besichtigung der Kläranlage. Obwohl es da ganz schön gestunken hat.“

Max Ernst erfand die Frottage

Nur wenige können sich unter „Frottage“ etwas vorstellen. Jeder aber hat diese Technik der graphischen Abbildung schon einmal angewandt: Das bei Kindern so beliebte Durchreiben von Münzen ist eine Frottage.

Der deutsch-amerikanische Künstler Max Ernst (1891–1976), den die Kunstwissenschaft der Kölner Dada-Bewegung und dem Surrealismus zurechnet, erfand diese im Prinzip einfache Technik 1925 durch Zufall. In seiner Autobiographie schreibt der Künstler: „(Er) bemerkt, daß die Maserungen des Fußbodens sich in Bewegung setzen… er nimmt von den Brettern eine Reihe von Zeichnungen ab… indem er die derart gewonnenen Abdrücke aufmerksam betrachtet, ist er überrascht durch die plötzliche Steigerung seiner visionären Fähigkeiten.“ Und weiter: „Derart gewonnene Zeichnungen verloren bei ihrem Entstehen den Charakter des verwendeten Materials und nahmen das Aussehen unglaublich genauer Zeichen an.“

In der Tat lassen sich mit Hilfe dieser automatistischen Technik Werke schaffen, die oft an Traumbilder erinnern und starke halluzinatorische Kraft besitzen können. Ebenso kann die Frottage auf natürliche oder technische Formen aufmerksam machen, die oftmals gar nicht beachtet werden oder in der verwirrenden Gesamtansicht verlorengehen.

Martin Gerner


Original-Schreibmaschinenmanuskript vom 07.07.1986.

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