Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Dienstag, 14. Oktober 1986

Dissidenten in der „zelle“

Die Dissidenten hätten ohne weiteres auch in einer der Reutlinger Hallen spielen können: Die »zelle«, wo sie am Freitag auftraten, konnte die anströmenden Besuchermassen nämlich kaum aufnehmen. Obwohl die Musiker um Friedo Josch, Uve Müllrich und Marlon Klein in Südeuropa – besonders in Spanien – längst als Superstars gehandelt werden, scheinen sie in Deutschland noch so etwas wie ein Geheimtip zu sein. Punkt neun begann das Konzert, das über das wohl größte Mischpultsystem abgemischt wurde, das die »zelle« je gesehen hat. Immer noch ist – neben Friedos Tänzen mit und auf der Querflöte – der Algerier Hamid Baroudi (Gesang und Percussion), Blickfang der Band, immer noch gehört die Rhythmusgruppe zu den besten in Deutschland. Die Songs des Konzerts waren meist von der neuen LP »Life at the pyramids« oder »Klassiker« wie »Fata Morgana«.

Die neuen Stücke sind nicht mehr so lang; auch kommen Synthesizer und elektronische Klangeffekte mehr zum Einsatz – das Ganze ist ausgefeilter und einprägsamer. Das wunderschöne »At the pyramids« etwas Schwebende Synthesizerklänge, zu denen ein fremdländisch-orientalischer Baß kommt. Und dann eben der Gesang von Hamid und El Houssaine Kill – traumwandlerisch sicher stimmten sich die beiden ab, nahezu perfekt waren ihre beschwörenden Melodielinien.

Vorbilder der »Dissidenten«-Klänge sind in Marokko zu finden, wo auch die aktuelle LP größtenteils aufgenommen worden ist. Zusammen mit dem manchmal nach »Prince« klingenden elektronischen Schlagzeug, den Synthesizer- und Flötensounds, ist die Musik eine ungemein reizvolle Mischung, die trotz der relativ ungewohnten Melodien schnell ins Ohr geht – in die Beine sowieso. Nach etwas mehr als 60 Minuten war das eigentliche Konzert beendet – die Zugaben dauerten fast nochmal so lange.

Martin Gerner


Erstveröffentlichung: Reutlinger General-Anzeiger, 14.10.1986.

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