Zweite Reutlinger Kleinkunsttage · Myrtil Haefs und Tonio Krüger im Rappen
"Zehn Frauen möcht’ ich sein" – unter diesem Motto stand das Programm der Freiburgerin Myrtil Haefs, die am Mittwochabend im Rappen zu Gast war. "Cabaret" war’s, was die Zuschauer zu sehen bekamen; nicht etwa Kabarett. So herrschten dann auch in Myrtil Haefs’ Revue verschiedener Frauentypen die leisen Töne und kaum merkliche mimische Schattierungen vor. Die Vorstellung war auf das Wesentliche reduziert, das minimalistische Konzept – nur die allerwenigsten Requisiten, sparsame Mimik und Gestik – zwang die Besucher zu großer Aufmerksamkeit.
Fast ohne äußerliche Veränderung wechselte die Künstlerin (die überbreiten Schultern kommentierte sie anfangs mit: "Alles echt – wir verwenden nur Naturstoffe"!) von einer affektierten Sekretärin ("nicht zuviel Intelligenz, das schadet dem Teint") zur im selben Betrieb beschäftigten Reinemachefrau, die für ihre Kollegin nur wenig übrig hat. Oder sie zeigte eine Hausfrau, die die Heiratsanzeigen in der Zeitung liest, um dann lauthals einen "Neandertaler" (G. Neumann) zu fordern, "weil er stärker ist".

Neben diesen klischeehaften Kunstfiguren, die fast alle aus einer sehr "männlichen" Sehweise heraus konstruiert waren, sang Myrtil Haefs auch Lieder mit sehr viel persönlicher Intensität; etwa "s’ Läbe", das aus ihrer eigenen Feder stammt und in dem sie mit alemannisch eingefärbter Stimme von ihrem "Traummann" erzählt: Von einem, der ihr von sich erzählt und der "ihr nicht nur in die Augen" schaut.
Die Vorstellung erinnerte das Publikum – hervorragend, weil ohne erhobenen Zeigefinger – auch daran, daß viele der vorgeführten Probleme ihre Ursache in männlichen Wunschvorstellungen finden: Da muß sich eine Dame "entre deux ages" fragen, warum "man Falten ausgerechnet im Gesicht" bekommt.
Bissig und liebevoll zugleich zeigte die Künstlerin ständig, daß viele Verhaltensmuster der Frauen so "urweiblich" dann doch nicht sind. Aus dieser Erkenntnis heraus die Männer verdammen wollte sie nicht; eher mit künstlerischen Mitteln die Auseinandersetzung der Geschlechter suchen und bewältigen.
Myrtil Haefs scheint keine Lust zu haben, ohne Männer zu leben: Sie läßt sich ja auch – ausgezeichnet – von einem Mann begleiten. Tonio Krüger am E-Piano (schade, daß auf der winzigen Rappen-Bühne kein richtiges Klavier Platz hat) meisterte scheinbar mühelos die Schwierigkeit, den dynamischen und klangfarbenreichen Vortrag der Haefs ebenbürtig zu unterstützen. Solo zeigte er mit einer hinreißend witzigen Parodie des französischen Schlagerpianisten Richard Clayderman großen musikalischen Humor.
Als ob es damit nicht genug wäre, übernahm er auch noch die Rollen von "zwei oder drei" Männern.
Martin Gerner
Original-Schreibmaschinenmanuskript vom 02.10.1986.