Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Donnerstag, 3. September 1987

Instrumente aus dem Musikcomputer

Sound-Sampling eröffnet Musikern ungeahnte Klangvielfalt

Eine junge, unbekannte Popgruppe entschließt sich, eine Plattenaufnahme zu machen. Auf der fertigen Aufnahme sind Streicher zu hören, ein ganzes Orchester, üppig arrangiert. Womöglich setzen noch Bläser akustische Glanzlichter.

Ein Riesenaufwand, sowohl zeitlich wie auch finanziell? Mitnichten. Kein Orchester hat das Studio von innen gesehen, kein Trompeter auch nur einen Takt gespielt. Das Zauberwort zur Lösung dieses aufnahmetechnischen Rätsels heißt "Sound-Sampling".

Ausschnitt aus dem Schreibmaschinenmanuskript: Instrumente aus dem Musikcomputer
Ausschnitt aus dem Originalmanuskript · Martin Gerner

Alle Klänge auf Diskette

Die Technik des "samplens" (in deutsch etwa: probieren) ist relativ neu; erst durch die rasante Miniaturisierung der Computerelektronik wurde sie überhaupt möglich. Will ein Musiker mit Hilfe dieses Instruments – die Bezeichnung "Musikcomputer" trifft einen Sampler viel eher – Klänge erzeugen, muß er in der Kunst des Programmierens bewandert sein und Verständnis für mathematische und akustische Zusammenhänge aufbringen. Dafür vereinfacht der Computer die Studioarbeit, er demokratisiert die Musikszene (selbst aufwendige Produktionen sind mit relativ geringem finanziellem Aufwand realisierbar) – aber er ist auch ein Jobkiller.

War es nämlich bisher die Aufgabe von Synthesizern, natürliche Klänge möglichst gut zu imitieren oder synthetische Geräusche zu erzeugen, ermöglicht der Sampler die originalgetreue Reproduktion beliebiger Instrumente, Klänge oder Geräusche. Es gehört nicht viel dazu, sich auszurechnen, daß eine einmalige Anschaffung des Geräts wesentlich billiger ist als dauerndes Anmieten von Studiomusikern.

Das Prinzip der Klangspeicherung scheint einfach. Angenommen, ein Produzent möchte auf einer Aufnahme das Geräusch eines anfahrenden Autos verarbeiten. Er stellt sich mit Aufnahmegerät neben ein startendes Fahrzeug und überspielt die fertige Aufnahme in seinen Sampler. Dort wird das Signal digitalisiert (viele aufeinanderfolgende Ein/Aus-Schaltzustände; der Kammerton a bedeutet 440 Schaltvorgänge in der Sekunde) und binär – alle Zahlen nur mit den Ziffern 0 und 1 dargestellt – abgespeichert. Der Klang oder das Geräusch steht jetzt auf einer Diskette zur Verfügung und kann beliebig abgerufen werden. Mittels einer Klaviatur, dem sogenannten Masterkeyboard, ist es möglich, das Quietschen der Reifen nicht nur originalgetreu wiederzugeben, sondern auch noch Tonhöhe und Klangfarbe nach Wunsch zu verändern.

Die Preise für die Geräte sind in letzter Zeit drastisch gesunken, der Kampf um die Kunden ist voll entbrannt. Kosteten studiotaugliche Musikcomputer bisher ab 17000 DM aufwärts (das derzeitige Nonplusultra der Sampler, der "Fairlight", kostet etwa das Zehnfache!), gibt es jetzt ein Keyboard mit professionellen Eigenschaften schon für wenig mehr als dreitausend Mark. Ein japanischer Elektronik-Multi brachte gar schon 1986 einen Sampler zum sensationell niedrigen Preis von 300 DM auf den Markt; dieses kleine Gerät hat allerdings eher Spielzeugwert.

Ganz so einfach, wie die Werbung den Musikern einreden möchte, ist die Sache allerdings nicht. Um zum Beispiel den Klang eines Konzertflügels auf Diskette zu bannen, ist schon ein großer Aufwand – viel mehr noch: großes Können – erforderlich. Am allerwichtigsten ist die Reinheit des Samples. Konkret heißt das: Optimale Schallaufzeichnung mit möglichst wenig Fremdgeräuschen. Hier sind gute Toningenieure (die gibt es noch zu wenig) gefordert. Damit ist es aber nicht getan. Eigentlich müßte jeder Ton zweimal (laut und leise) gespeichert werden, um annähernd originale Klänge wiedergeben zu können. Diese Fülle von überaus komplexen Informationen kann aber kaum einer der Musikcomputer verarbeiten.

Werden Musiker überflüssig?

Viele Studiomusiker haben jetzt Angst vor der zukünftigen Entwicklung. Anstatt wie bisher Bläser für eine Aufnahme zu engagieren, schiebt der Produzent einfach die entsprechende Diskette in das Laufwerk seines Samplers und spart so viel Zeit und Geld.

Inzwischen entstehen ganze Langspielplatten nur mit dem Computer. Der amerikanische Komponist und Gitarrenvirtuose Frank Zappa, dessen Produktionen zu den aufwendigsten überhaupt gehören, gab kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift "Fachblatt" zu, seine Gitarre seit zwei Jahren nicht mehr angerührt zu haben. Auf seiner letzten Platte sind die meisten Stücke nur mit einem Sampler eingespielt worden.

Selbst bei Konzerten kommen immer häufiger Musikcomputer zum Einsatz. Bei der letzten Tournee von Rod Stewart waren Chöre zu hören, ohne daß auch nur eine Sängerin anwesend war. Die Stimmen kamen aus dem Sampler.

Prozeß gegen "Miami-Vice"-Komponist

Inzwischen beschäftigen sich auch Rechtsanwälte mit der neuen Technik. Jedem Musiker stehen nämlich für die Ausstrahlung eines Titels, bei dem er mitgewirkt hat, Tantiemen zu. Und da via Soundsampling Klänge ohne Mühe geklaut werden können, diskutiert man in Fachkreisen gar eine Änderung des Urheberrechts. Richtlinien könnte hier der Prozeß geben, den David Earl-Johnson gegen den "Miami Vice"-Komponisten Jan Hammer angestrengt hat. Hammer hat Samples verwendet, die er auf einer gemeinsamen Session mit Johnson aufgenommen hat.

Einen guten Song komponieren kann das "Wunderding Musikcomputer" allerdings nicht. Der ehemalige "Police"-Schlagzeuger Stewart Copeland meint: "Ob einer ein Musiker ist oder nicht, zeigt sich nicht an den Werkzeugen, die er benutzt, sondern an dem, was er damit an Kreativem zustande bringt."

Martin Gerner/prt


Original-Schreibmaschinenmanuskript vom 03.09.1987.

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