Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Mittwoch, 20. Januar 1988

Streit um DAT

Die digitale Cassette revolutioniert Amateuraufnahmen

Die Fans sahen sich schon im siebten HiFi-Himmel: Die Testberichte des neuen Speichermediums DAT (dieses Kürzel steht für Digital Audio Tape, also: Digitales Tonband) in den einschlägigen Fachzeitschriften Mitte letzten Jahres waren überaus positiv. Die kleine DAT-Cassette bietet im Gegensatz zu ihrer doppelt so großen "normalen" Schwester eine Klangqualität, die ähnlich superb wie die der – inzwischen bestens eingeführten – CompactDisc ist; Eigenaufnahmen in Profi-Qualität steht mit DAT nichts im Weg. Auch verlustfreie digitale Überspielungen von CD sind theoretisch möglich – in der Praxis bleibt der Digitalrecorder allerdings bei digitalen CD-Aufnahmen stumm.

Ausschnitt aus dem Schreibmaschinenmanuskript: Streit um DAT
Ausschnitt aus dem Originalmanuskript · Martin Gerner

Panik bei den Plattenfirmen

Daß dem so ist, liegt nicht an den Geräteherstellern. Genau wie bei der Einführung der Compactcassette befürchtet nämlich die Plattenindustrie Umsatzeinbußen beim Verkauf von CD’s, wenn die digitalen Cassettenrecorder erst einmal breite Akzeptanz gefunden haben. Während nämlich bei herkömmlichen Analogplatten das unerlaubte Duplizieren und der Verkauf der sogenannten Raubpressungen einen mehr oder minder großen Aufwand erfordern und die Raubkopien meist um Klassen schlechter als die Originale klingen, ist mit DAT alles anders.

Weil nämlich von digitalen Originalen beliebig viele digitale Kopien ohne jeglichen Qualitätsverlust erstellt werden können, haben die Firmen jetzt Angst vor dem sprunghaften Ansteigen der Raubkopien. Die Gerätehersteller haben auf den Druck der Plattenindustrie reagiert und in die Recorder einen Schaltkreis eingebaut, der die digitale Überspielung von CD’s verhindert. Das ist den Plattenpressern aber nicht genug.

Der normale Musikkonsument, so die Argumentation, höre keinen Unterschied zwischen digitaler und analoger Überspielung – auch herkömmlich aufgenommene Raub-Bänder würden ihre Abnehmer finden. Deswegen haben sich die Herren von der Industrie etwas einfallen lassen, was CD-Überspielungen auf DAT generell unmöglich machen soll: CopyCode.

Verhinderung der Klang-Perfektion

Auf den mit diesem Schutz ausgestatteten Silberscheibchen ist zwischen 3700 und 3900 Hz. Totenstille. Ein Decoder im DAT-Recorder soll diesen schmalen Streifen erkennen und die Aufnahmefunktion unverzüglich sperren. Bei der Polygram, WEA und CBS sollen alle CD’s ab diesem Frühjahr mit CopyCode versehen werden. Nach der Übernahme des (Platten-) Riesen CBS durch den (Elektronik-) Riesen Sony ist allerdings die Durchsetzung dieses Unterfangens mehr als fraglich geworden.

Sowieso ist Copycode eine Unverschämtheit gegenüber dem Käufer. In dem von der Industrie ausgesuchten Frequenzband sind neben der menschlichen Stimme und dem Klavier noch andere Instrumente und deren – für die Klangfarbe enorm wichtigen – Obertöne zu hören. Der Konsument, so die Plattenindustrie, nehme diese fehlenden Frequenzen überhaupt nicht bewußt wahr. Dies mag vielleicht bei anspruchsloseren Pop-Produktionen zutreffen; bei solch sensiblem Musikmaterial wie Klassik fallen aber schon kleinste Veränderungen des Tonspektrums unangenehm auf.

Dabei ist die ganze Hektik der Industrie ziemlich unverständlich. Es geht nämlich nicht um die privaten Räuber als vielmehr um professionell arbeitende Betrüger, die in großem Stil Kopien von CD’s herstellen.

Schulklassen als Raubkopierer?

Ein Schüler, der sich zur Aufbesserung seines Taschengeldes einen (um die 3500 Mark teuren) DAT-Recorder kauft, um dann eine 20-Mark-CD auf eine etwa 25 DM (!) teure DAT-Cassette zu überspielen, ist nun wirklich kaum vorstellbar. Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß sich irgendein Raub-Profi durch eine – wie immer geartete – Kopiersperre von seinem dunklen Geschäft abhalten läßt. Genau wie die "normale" Sperre schon längst (von Fachblättern) entzaubert worden ist, wird auch der "CopyCode"-Schaltkreis – wenn er überhaupt in die Recorder eingebaut werden sollte – von findigen Elektronikern überlistet werden. Ob jetzt die Kopie analog oder digital überspielt wird, kann den Räubern egal sein – der Käufer (siehe oben) hört’s ja sowieso nicht.

Der ganze Hickhack um DAT ist fast schon kindisch; nachvollziehen kann der Szene-Beobachter die Auseinandersetzungen jedenfalls nicht. Das erste Mal in der Geschichte der HiFi-Stereophonie wird ein schon realisierter Fortschritt wegen kommerzieller Interessen einer schier übermächtigen Lobby verhindert! Die CD, bei ihrer Einführung als perfekter Tonträger der Zukunft angepriesen, soll nun freiwillig kastriert werden; die zweifellos hohe Qualität soll – wieder aus handfesten kommerziellen Motiven heraus – beschnitten werden! Ob die Käufer – und ohne die macht eine Industrie keinen Sinn – da mitmachen werden, ist fraglich; zumal die Preise für Geräte und Bandmaterial (bespielte DAT-Cassetten kosten um die 50 Mark!) im Vergleich zur CD astronomisch sind und die Einführung der wiederbespielbaren CompactDisc absehbar ist. Daher werden wohl viele Musik- und HiFi-Freunde weiterhin mit großem Vergnügen die "alten" Analogscheiben hören, Rundfunkproduktionen auf Cassette mitschneiden und CD’s nur noch dann kaufen, wenn sie nicht mit dem CopyCode kastriert sind.

Martin Gerner/prt


Original-Schreibmaschinenmanuskript vom 20.01.1988.

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