Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Samstag, 1. Februar 1997

Kristin Scott Thomas: Einfach hinreißend

Kristin Scott Thomas überzeugt auch in »Der englische Patient«.

Kristin Scott Thomas hat vom Mauerblümchen-Image die Nase gestrichen voll. »Sie wartet nicht mehr grummelnd in der Ecke und fragt, ob sie was sagen darf – jetzt nimmt sie sich das Recht dazu«, formulierte ein englischer Kritiker anläßlich der Release »ihres« neuen Films »Der englische Patient«, der am 27. Februar auch in den deutschen Kinos anläuft.

»Der Gedanke, eine Frau zu spielen, die attraktiv und begehrenswert ist, hat mich am Anfang erschreckt«, sagt die solidest ausgebildete Schauspielerin. Aber dann hat's wohl doch noch ganz gut geklappt damit – die amerikanischen Kinobesucher sollen hingerissen gewesen sein.

Erfahrung im spannenden Umsetzen von Emotionen auf die Leinwand hat Kristin Scott Thomas seit ihrem Filmdebüt vor elf Jahren durchaus bewiesen – jemand, der das (finanziell äußerst unlukrative) Bühnen-Spiel so konsequent wie sie beibehält, muß einen Sinn für Dramatik haben.

Am Anfang der Zelluloid-Karriere von Kristin stand der Mann, der früher mal als »Prince« bekannt war. In dessen abendfüllender, kitschgetränkter Soap-Opera »Under The Cherry Moon« machte sie mit. Und obwohl der Streifen einhellig verrissen wurde und auch an den Kassen total floppte, schlug sich die 35jährige Britin in dem ziemlich seichten Plot wacker: Ein erster Anfang war gemacht.

»Prince war total süß und charmant, der Film war nur ein großes Spiel für ihn; das hat's leicht gemacht. Ich weiß wirklich nicht, was ich heute von dem Streifen halten soll – aber das war mein erster Job, und ich war sehr dankbar für die Chance«.

Für ihre Hauptrolle in Charles Sturridges Film-Version von Evelyn Waughs »A Handful Of Dust« wurde Thomas zwei Jahre später schon mit dem »Evening Standard Award« als beste Nachwuchs-Schauspielerin ausgezeichnet – und spätestens seit 1994 ist Kristin Scott Thomas auch in Deutschland nicht nur Insidern ein Begriff. In Mike Newells »Vier Hochzeiten und ein Todesfall« durfte sie – erfolglos – Mega-Schönling Hugh Grant (seufz!) nachhecheln…

In »Der englische Patient«, vom Verleih richtig als »leidenschaftliche Liebesgeschichte« angekündigt, spielt sie die – schon in der mit dem »Booker Prize« ausgezeichneten Romanvorlage von Michael Ondaatje recht sinnlich angelegte – Frau eines britischen Fliegers, der sich nach einem Absturz im Fieberwahn an sein Leben erinnert.

»Ein in jeder Hinsicht bestechendes Werk«, bejubelt das »Time Magazine« den Film von Anthony Minghella – und lobt »allen voran Scott Thomas«. Und der Film-Kritikaster der »New York Times«, Alan Riding, findet – ein Riesen-Lob – die »Katherine« in Kristins Darstellung »bei weitem noch viel verführerischer und tragischer« als im Roman.

Martin Gerner


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 2/1997.

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