Wenn's dunkel ist, hat Tommy Mammel die besten Ideen.
Tommy Mammel schreibt Lieder. In Deutsch. Aber »Liedermacher« will er, wenn möglich, bitte nicht genannt werden. »Viele Ideen für mein heutiges Programm stammen noch aus der Zeit, als der Begriff Liedermacher hier sehr hoch im Kurs stand – und mir hat das Wort schon damals nicht gefallen«, sagt der in Fellbach geborene 39jährige. »Das hat ja auch ein G'schmäckle – ganz einfach, weil man immer automatisch an die herausragenden Vertreter dieser Sparte denken muß: Franz-Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Thommie Bayer.«
In der in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern ziemlich erfolgreichen »Thommie Bayer Band« (»Der letzte Cowboy«) drückte Mammel acht Jahre lang die Tasten. Die Nachwirkungen dauern an – auch wenn Mammel eine ganze Weile nicht »offiziell« öffentlich auftrat und eher als Komponist arbeitete: »Wir waren damals wahnsinnig viel auf Tour. Da ist man dann zwar auf dieser Welt, aber man sieht sie halt anders, sozusagen von der Seite der Nachtschattengewächse. Bei mir bleibt auch heute noch das, was nachts passiert, viel eindrücklicher hängen als das Tagesgeschehen – und das gibt mir auch Ideen und Kicks für meine Texte.«

Kein Wunder also, daß der klassisch am Pianoforte ausgebildete Mammel seine aktuelle CD »Nachtausgabe« betitelt hat; daß sich Musik und Texte (wohltuend) vom Gewohnten abheben. Das fängt schon bei der rauchig-eindringlichen Stimme an und geht bei den ganz und gar nicht teutonisch klingenden Arrangements weiter. Von elegantem 70er-US-Radio-Pop (»Ich liebe Donald Fagen, besonders auch Billy Joel wegen seines Klavierspiels«) über zurückgelehnten Country bis hin zu Swing und dezenter argentinischer Bandoneon-Melancholie reicht die musikalische Palette von Mammel und seinen unaufdringlichen, hochmusikalischen Bandpartnern.
In manchmal heftigem Kontrast zu den heiteren Harmonien stehen die Inhalte einiger dieser »Songs für ein Leben in Color« (Programm-Titel). Es sind eher die schattigen, dunklen Lebensmomente, die Mammel mit viel Gefühl für Sprachmelodie und -fluß beschreibt. Wenn's nicht gar so abgegriffen wäre, könnte man den Schwaben ungestraft einen »Songpoeten« nennen.
»Ich mag Kontraste«, sagt der Sänger, »in 'Kein Land in Sicht' zum Beispiel ist alles verspielt, nix geht mehr – und dazu spielen wir dann fast lustige, countrymäßige Musik. Ich kann schon melancholisch werden, mit allem, was dazugehört – aber, so seltsam das klingt: Das macht dann auch wieder Spaß. Wer traurig sein kann, hat auch viel mehr Kraft zum Glücklichsein. Das gehört doch zusammen.«
Tommy Mammel ist ein deutscher Chansonnier mit Vorbildern und Vorlieben von Chet Baker bis Steely Dan, von Elvis Costello bis hin zu Astor Piazzolla. »Mein Vorteil ist: Heute geht das Publikum viel unerschrockener, selbstverständlicher mit deutschen Songtexten um als vor zwanzig Jahren«, meint Mammel. »Die meisten nehmen den Unterschied zwischen Deutsch und Englisch gar nicht mehr wahr. Und umgekehrt funktioniert's auch: Neulich kam nach dem Konzert ein Amerikaner, der die ganze Zeit über seine Freundin betatscht hatte, zu mir her und meinte, er hätte zwar überhaupt gar nichts verstanden, aber schon gehört, daß Deutsch auch eine 'language of love' sein kann.«
Martin Gerner
Tommy Mammels Nachtausgabe: 26. April, 22 Uhr, Pokorni & Kopatzke, Reutlingen
Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 4/1997.