Charlie Mariano. Ein »Weltmusiker«? Vielleicht. Ein begnadeter Saxophonist? Auf jeden Fall.
Der Mann hat eine unerschöpfliche Energie: Charlie Mariano, allseits als begnadet eingestufter Saxophonist, lädt sich ein Mordspensum auf – und das in einem Alter, in dem andere sich schon nicht mehr an ihre Pensionierungsfeier erinnern können. Diejenigen, die den Abschied des 74jährigen vom »United Jazz & Rock Ensemble« mit einem Ende seiner Bühnenkarriere gleichgesetzt hatten, irrten gewaltig.

1997 war das dreieinhalbstündige »Tribute to Charlie Mariano« bei den Stuttgarter Jazz-Open nur das medienwirksamste Ereignis, bei dem der US-Jazzer im Mittelpunkt stand. Gleich nach dem umjubelten Auftritt in der Liederhalle ging der freundliche Bostoner mit Wohnsitz Köln auf eine lange Südostasien-Tour. Dort hat er nämlich, wie eigentlich überall auf der Welt, einen Haufen Freunde.
Mit dem »Weltmusiker«-Image muß (und kann) Mariano leben – auch wenn es ihm eigentlich nicht paßt: »Ich mag diese ›Fusion‹ und die verschiedenen ›Crossover‹-Sachen überhaupt nicht. Da werden nämlich in der Regel Musik-Welten zusammengeschmissen, die gar nicht zu vereinbaren sind.«
Scheuklappen hat Mariano trotzdem nicht – und weil er »einfach nie nein gesagt hat«, wenn jemand fragte, ist er »durch Zufall, ehrlich« zum Jazz-Nomaden geworden. Vom Bigband-Swing wanderte er zum Bebop der Charlie-Parker-Ära, von dort mit seiner damaligen Frau, der Pianistin Toshiko Akiyoshi, nach Japan, dann wieder in die USA – und schließlich, »als das Leben in den Staaten in den 70er Jahren für Jazzmusiker echt hart wurde«, nach »good old Germany«.
Hier machte er nicht nur im Jazzer-Lager, sondern auch bei Kraut- und Kiffer-Rockern mächtig Eindruck: Durch die Deutschen von »Embryo« knüpfte Mariano Kontakte zum angesehenen indischen »Karnataka College of Percussion«, in Deutschland lernte der Amerikaner so ideale Mitspiel-Partner wie Rabih Abou-Khalil, Wolfgang Dauner oder Dino Saluzzi kennen.
Mit den letzten beiden hat Mariano zwei Platten aufgenommen, die viele für seine intimsten Aufnahmen halten: »Pas de trois« und »One Night in '88« (beide auf »mood records«) sind Meisterwerke des »Kammer-Jazz«. Deswegen wird's Kenner besonders freuen, daß Mariano jetzt wieder mit so einem kleinen All-Star-Ensemble auf Tour geht.
Dieter Ilg, einer der besten Tieftöner Europas und ebenso wie der Saxophonist ein Meister der differenzierten Zwischentöne, war der Motor dieser neuerlichen »Charlie-Mariano-Group«. Die widmet sich – und das ist ganz selten bei Mariano, der sich nie in den Vordergrund drängelt – ausschließlich eigenem Material des ersten unter den »Elder statesmen« der europäischen Szene.
Zu Mariano und Ilg gesellt sich mit Drummer Jeff Hirschfeld eine weitere illustre Jazzer-Persönlichkeit – und Gitarrist Vic Juris, ehemals Partner von Biréli Lagrène und Larry Coryell, ist ebenfalls alles andere als unbekannt.
Martin Gerner
Charlie Mariano Group: 2. Februar, 20 Uhr, Maximilian, Reutlingen
Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 2/1998.