Manchmal ist weniger einfach mehr. Bestes Beispiel: Jazz-Trompeter Art Farmer.
Miles Davis nannte Art Farmers Spielweise »linear« – und hat's als großes Kompliment gemeint. Charles Mingus, jener musikalisch eigentlich ganz anders gelagerte Jazzbassist, schwärmt so über seinen Kollegen: »Ich mag ihn so sehr – vor allem diesen kleinen Hauch, den er vor den eigentlichen Tönen stehen hat – daß ich ihn sogar dort liebe, wo er altmodisch ist, ohne es zu wissen«.
Nur formal »old fashioned«, in Wirklichkeit aber zeitlos ist die Trompeten-Kunst des 69jährigen Amerikaners, der seit längerem in Wien seine zweite Heimat gefunden hat. Wo das Geschrei mancher Barrikadenstürmer der Vergangenheit schon längst verstummt und vergessen ist, setzt Art mit wunderbar leisen, ganz zurückgehaltenen Tönen Akzente, die seit der Blütezeit des Hardbop in der Jazzszene gerne gehört und viel gelobt werden.

Der Mann spielt leise, spricht leise und tritt überaus bescheiden auf. »Mir geht es um melodische, swingende und lyrische Qualitäten«, sagt der Jazzer, der überhaupt kein Aufhebens um seine schlichtweg fantastische Technik macht, »ich versuche einfach, Stücke so zu spielen, wie ein Sänger sie singen würde – etwa Billie Holiday«. Leicht gesagt und schwer getan: Farmers Musik drängt sich niemals auf. Seine Linien kommen ohne strahlende Phrasierungen oder aggressiven Ansatz aus, sind immer voller musikalischer Poesie. Er schafft es, auch nach Jahren, immer noch ohne Klischees zu improvisieren und swingt selbst in erhöhtem Tempo ziemlich »cool«, klingt überlegt und im besten Wortsinn selbstbewußt.
Von nix kommt nix: Art stammt aus einer Musikerfamilie und lernte schon in frühester Kindheit Klavier, Geige, Tuba und Trompete. Erste Engagements bei Jay McShann in Kansas City und bei Benny Carter lehrten ihn das Gruppenspiel. Später arbeitete Farmer unter anderem mit Mingus, Lionel Hampton, Horace Silver oder Gerry Mulligan zusammen.
Vor ziemlich genau 40 Jahren gewann er zum ersten Mal den »Down Beat«-Poll in der Sparte Trompete – und ist seitdem, spätestens aber seit seinem legendären »Jazztet« (mit Benny Golson und Curtis Fuller) eine feste Größe. Über alle Zeitströmungen und Moden hinweg, wohlgemerkt. Klar, daß der Erfinder der »Flumpet« – eine Art Kreuzung zwischen dem von Farmer heißgeliebten Flügelhorn und der Trompete – gerne von ebenso berühmten Kollegen zum gemeinsamen Spiel eingeladen wurde und wird.
Schon vor dreißig Jahren kam Art Farmer zum ersten Mal nach Europa, ließ sich, als er festes Mitglied der »ORF«-Bigband wurde, zunächst für zehn Jahre in Wien nieder. Seit 1982 lebt er nun dauernd dort – und das ist auch der Grund, warum sein Quintett, mit dem er jetzt nach Reutlingen kommt, vorwiegend österreichisch besetzt ist. Unter anderem bringt Art mit Fritz Pauer einen der besten Jazzpianisten Europas mit – und mit Mario Gonzi einen ebenso jungen wie exzellenten Drummer.
Martin Gerner
Art Farmer Quintet: 4. Mai, 20 Uhr, Maximilian, Reutlingen
Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 5/1998.