Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Mittwoch, 1. November 2000

Brad Mehldau

Jazz-Pianist Brad Mehldau macht sein eigenes Ding. Und das ist gut so.

Er ist jung, ziemlich gut auf seinem Instrument – und selbstverständlich selbstbewusst: »Ich weigere mich, mich an irgendeinem Vorbild zu messen«, sagt Brad Mehldau, hochgelobter Jazz-Pianist aus New York, »es ärgert mich, wenn mich Kritiker mit Bill Evans oder Keith Jarrett vergleichen. Mag schon sein, dass es Ähnlichkeiten gibt, aber für mich sind sie oberflächlich und zufällig. Ich hab' nie irgendwelche Vorbilder im Kopf, wenn ich spiele. Wir versuchen, die Musik so gut wie möglich zu bringen, Punkt«.

Mal abgesehen davon, dass sich im Spiel des dreißigjährigen Ausnahmemusikers tatsächlich Parallelen zu den großen Jazz-Tasten-Lyrikern finden und Brad Mehldau außerdem überhaupt kein Hehl aus seiner Verehrung für Robert Schumann und Gustav Mahler macht – der junge Wilde muss sich schon deswegen Vergleiche mit Evans gefallen lassen, weil die Platte, mit der ihm der internationale Durchbruch gelang, an einem Ort entstanden ist, der vor Jazz-Geschichte nur so trieft: Im legendären »Village Vanguard«, einem der traditionsreichsten Jazz-Schuppen des »Big Apple«, spielte Brad Mehldau die zweite seiner (mittlerweile vier) »Art-Of-The-Trio«-Scheiben ein – und da entstanden heute legendäre Club-Aufnahmen von Evans, Joe Henderson, Sonny Rollins oder John Coltrane.

Der entscheidende Unterschied zu den Giganten ist aber, dass Mehldau seine Musik anders aufbaut: Er lässt in seinem musikalischen Konzept, das auch teilweise hochinteressante Neuinterpretationen von altbekannten Jazzstandards oder die Verarbeitung bekannter Pop-Themen zulässt, seine Mitmusiker gleichberechtigt mitmischen – ganz im Gegensatz zu der »Pianostar-plus-Begleitung«-Masche.

Das Spiel wie die Kompositionen des New Yorkers sind gleichermaßen geprägt von Formstrenge wie großer Offenheit, was stilistische Grenzen anbetrifft. Kein Wunder, wenn man die musikalische Sozialisation Mehldaus bedenkt: »In der High-School-Zeit war ich ein Riesen-Fan von Emerson, Lake & Palmer und Art Rock generell. Von da war's nicht weit zu Jazzrock und Weather Report. Über die bin ich zum elektrischen Miles gekommen und hab' die Jazzgeschichte dann rückwärts aufgerollt.«

Und Brad besitzt darüber hinaus nicht nur eine überaus solide klassische Ausbildung, sondern ist auch ein begeisterter Klassik-Hörer.

So kommt's wohl, daß die Musik Mehldaus nicht nur »in jedem Takt irgendeinen anderen Aspekt der Jazzgeschichte widerspiegelt, Raum für Anklänge Neuer Musik und sogar Rock bietet«, wie »Down Beat« schreibt, sondern bei Brad sogar Pop-Schrägheiten wie Radiohead's »Exit Music« klingen, »als hätte Beethoven das Stück geschrieben« (»Stereophile«).

Darin besteht kein Zweifel: Brad Mehldau ist ein junger Wilder. Aber einer mit Sinn für die Tradition.

Martin Gerner

Jazz Nights: Brad Mehldau Trio und Bill Frisell Trio, 11. November, 20 Uhr, Liederhalle, Stuttgart


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 11/2000.

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