Anfang der 80er hätten sich Gary und Glenn Miller nicht träumen lassen, dass sie einmal Fußballstadien füllen würden. Die beiden Zwillingsbrüder, die gerne als »Mick Jones und Joe Strummer des Folk« tituliert werden, gründeten ihre Whisky Priests als Teenager ohne große musikalische Vorkenntnisse.
Heute sind die britischen Speed-Folk-Punker einer der erfolgreichsten Exporte der Insel – und eine Band, deren glänzender Live-Ruf kaum zu toppen ist. Kein Wunder – kaum eine »große« Popgruppe ist in den letzten Jahren dermaßen intensiv getourt wie die Whiskypriester: Seit der allerersten Club-Tour, die die Whisky Priests nach bewährtem »Fab-Four«-Vorbild durch Deutschland absolvierten, waren die fünf praktisch permanent unterwegs, haben in den letzten elf Jahren weit über tausend Konzerte absolviert. Rein zahlenmäßige Highlights waren darunter der Support-Gig für die Stones vor über 60 000 Besuchern oder ein Solo-Gig mit mehr als 20 000 Fans.
Das Erfolgsrezept der Whisky Priests scheint einfach: Man nehme die bekanntesten Elemente irischer und schottischer Folklore, mische sie mit rotziger Punk-Attitüde und präsentiere sie mit unbändiger Energie – fertig ist die Live-Party: Die Priests gastierten als kleine, unbekannte Brit-Combo auch hierzulande schon vor begeistert-schweissnassen Zuhörern.
Das war vor zehn Jahren und neun (zum Teil hochgelobten) Plattenproduktionen. Über die Power-Show der Miller-Brüder und ihrer drei Mitstreiter ist ebenso viel geschrieben worden wie über den höchst eigentümlichen, soundprägenden Akkordeon-Stil von Glenn: Der Gruppen-Gründer wurde und wird wegen seiner vielen Glissandi und wegen seiner Experimentierfreude gerne als »Jimi Hendrix des Akkordeons« bezeichnet.
Damit soll jetzt endgültig Schluss sein: Den Miller-Brüdern, die beide inzwischen auch erfolgreiche Produzenten und Eigner eines Plattenlabels sind, ist nach der 1999er Mammut-Tournee (fünf Monate waren die Priests da unterwegs) die Lust auf Hotelbetten und Hallen in fremden Städten wohl endgültig verloren gegangen.
Ganz sang- und klanglos verabschieden sich die englischen Partykönige trotzdem nicht, die Abschiedstournee ist – wer hätte es gedacht – keine kleine. Und auch die Fans in der Region werden bedacht und dürfen tanzend Abschied nehmen.
Martin Gerner
Whisky Priests: 16. November, 21 Uhr, Sudhaus, Tübingen
Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 11/2000.