Das Kulturarchiv von Martin Paul Gerner

Donnerstag, 1. Februar 2001

Tony Martinez: Salsa mit Dampf

Wenn Tony Martinez und seine Jungs von Cuban Power loslegen, dann sind die Zuhörer hin und weg.

Tony Martinez begeistert die Masse ebenso wie altgediente Star-Kollegen. Der kubanische Saxophonist erntet vom Jazz-Jet-Set des Festivals von Montreux genauso überschwänglichen Beifall wie von »unkomplizierten« Latin-Liebhabern, die einfach nur zu fetziger Musik tanzen wollen.

»Tony Martinez ist die Geburt einer neuen Legende«. Schwärmt jedenfalls Quincy Jones, der sonst mit Lob eher knauserige Über-Vater der US-amerikanischen Produzentenszene.

Die »Backstreet Boys des Jazz«, wie Martinez’ Gruppe Cuban Power wegen des vergleichsweise jugendlichen Alters ihrer Mitglieder gerne genannt wird, machen höchstkarätige, traditions- und handwerksbewusste Musik, mixen den rhythmischen Reichtum Kubas in praller Spiellaune mit allerlei anderen Spielarten der Groove-Jazz-Sparte. Die zahlenmäßig wie spieltechnisch starke Bläserfraktion von Cuban Power ist in zündenden, messerscharfen Funk-Riffs ebenso geübt wie in verspielt-melodischen, auch mal ziemlich beboppigen Soli.

Tony Martinez: Salsa mit Dampf – Originalfoto aus KULTIMATIV
Foto: pr · KULTIMATIV 2/2001

Von berühmten Vorbildern wie Paquito d’Rivera, Gonzalo Rubalcaba oder den Star-Soneros Arsenio Rodriguez und Chaputin ebenso geprägt wie von der tradierten Musik, Jazz, Rock und Funk, hat der klassisch ausgebildete Saxer, Flötist und Arrangeur einen ganz eigenen Stil entwickelt.

Bei Tony Martinez hat das Schlagwort »AfrocubanFunk« eine besondere, erdige Note. Sein Jazz-Verständnis ist hochkomplex und geht trotzdem direkt in die Beine.

»Ich möchte mehr Son spielen«, sagt Tony, »ich stamme aus einer Region, in der es sehr viele Soneros gibt, ich bin damit groß geworden. Ich wünsche mir, dass wir uns mit unserem Sound dem ursprünglichen Son nähern, aber natürlich gemischt mit Timba, Salsa und allem, was uns gefällt. Wir möchten speziell Tänzer ansprechen – erstens, weil wir alle selber gern tanzen, und zweitens, weil das der leichteste Weg ist, von unserer Musik eine Ahnung zu kriegen«.

Aha. Da scheint einer das »Move your ass and your brain will follow«-Postulat von Oberfunker George Clinton in eigener Formulierung zu seinem Credo gemacht zu haben. Nicht nur im musikalischen Selbstverständnis, sondern auch bei einem Blick ins Publikum zeigen sich Berührungspunkte: Bei beiden ist das Publikum nicht auf den vier Buchstaben zu halten, beide treten gerne in überdimensionierten Besetzungen auf – und beide liefern musikalisch exzessive, »heiße« Shows.

Salsa mit Dampf liefern die jungen Wilden von Cuban Power überall, wo sie auftreten – und überall brechen die Zuhörer in Jubel aus. Wetten, dass auch die Tübinger Salsa-Fans hin und weg sein werden?

Martin Gerner

Tony Martinez und Cuban Power: 24. Februar, 21 Uhr, Sudhaus, Tübingen


Erstveröffentlichung: KULTIMATIV, Ausgabe 2/2001.

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